Etwa 9,5% der Landflächen Finnlands sind mit Wasser bedeckt. Im Westen und Süden wird das Land von der Ostsee eingefasst. Wasser ist also in Finnland allgegenwärtig, und man lebt hier mit, aber auch vom Wasser. Doch wie wirkt sich das menschliche Tun auf die finnischen Gewässer aus? Zu dieser Frage fand im Februar diesen Jahres an der Uni Helsinki in der Abteilung Hydrobiologie ein Seminar statt. "Zustand der Gewässer im Jahre 2000" hieß der Titel des Seminars, welches sich neben der biologischen Fragestellung auch mit einer allgemeinen, gesellschaftlichen Sichtweise befasste. Es sollte ein möglichst aktuelles Bild zum Problem der Eutrophierung (Nährstoffanreicherung) von Gewässern entstehen. Dazu wurde von den Studenten in Gruppenarbeit Material zu den Themen "Blaualgen", "Instandsetzung von Seen", "Landwirtschaft und Gewässer", "Wasserversorgung der Stadt Helsinki" und "Fischzucht als Eutrophierer" gesammelt, aber auch Interviews mit Fachleuten und Politikern geführt.
Die folgenden Zusammenfassungen der Schlußarbeiten sollen auch dem Sommerurlauber einen Einblick in die Umweltsituation der finnischen Gewässer geben.
Das größte Ballungszentrum Finnlands ist die Hauptstadtregion mit annähernd 1 Million Einwohnern. Ziel der Seminargruppe "Helsingin kaupungin vesihuolto" war es herauszufinden, wie die Bevölkerung mit Trinkwasser versorgt wird und wie die Abwasserentsorgung funktioniert. Denn auch die Abwässer von Ballungszentren tragen zur Nährstoffanreicherung (Eutrophierung) im Finnischen Meerbusen und in der gesamten Ostsee bei.
Helsinkis Trinkwasser wird aus dem Päijänne-See entnommen, welcher nördlich von Lahti liegt. Es handelt sich also um Oberflächenwasser, welches auf natürlichem Weg über den Kymijoki-Fluß in den Finnischen Meerbusen abfließen würde. Nur 1% des abfließenden Päijännewassers wird nach Helsinki abgezweigt. Das Rohwasser fließt aus eigener Kraft im längsten Felsentunnel der Welt 120 km bis nach Helsinki. Der Tunnel wurde von 1973-1982 gebaut, nachdem schon in den 60-Jahren klar geworden war, daß Helsinkis lokale Wasserresourcen quantitativ und qualitativ nicht mehr ausreichen würden. An dem Bau des Tunnels beteiligten sich im übrigen auch die Städte und Gemeinden Espoo, Vantaa, Hyvinkää, Kirkkonummi, Kauniainen, Nurmijärvi, Tuusula, Kerava, Järvenpää, Sipoo, die Landgemeinde Porvoo sowie Oy Alko Ab. Alle Beteiligten werden heute komplett oder teilweise mit Trinkwasser aus dem Päijänne versorgt.
Schon bei seiner Ankunft in der Hauptstadt erfüllt das Wasser alle EU-Anforderungen, durchläuft aber trotzdem noch einen leichten Reinigungsprozeß in den Wasseraufbereitungsanlagen von Pitkäkoski und Vanhankaupunki. In Helsinki verteilt dann ein 1100 km langes Versorgungsnetz das Trinkwasser an die Verbraucher. Das gestiegene Umweltbewußtsein führte auch in Helsinki dazu, daß der Wasserverbrauch stetig abgenommen hat. Dadurch verweilt das Wasser auch länger im Versorgungsnetz. Um die Qualität nicht zu gefährden, aber auch, um Verstopfungen im Abwasserkanalnetz zu vermeiden, ist das Wasserwerk manchmal gezwungen die Leitungen durchzuspülen.
Nach dem Gebrauch fließt das Wasser als Abwasser zur zentralen Kläranlage in Viikinmäki. Diese wird als das bedeutendste Umweltprojekt Finnlands bezeichnet. Warum dies so ist, erfährt man, wenn man die Kläranlage besucht. Fast täglich finden Gruppenführungen mit Multivision und Rundgang statt.
Die Kläranlage Viikinmäki ging 1994 in Betrieb, nachdem der Stadtrat 1986 die Grundsatzentscheidung getroffen hatte, alle Abwässer der Stadt in einer Anlage zentral zu reinigen. Die alten Kläranlagen, welche meistens an der Küste gelegen waren und die geklärten Abwässer direkt in die Küstengewässer leiteten, gingen somit außer Betrieb.
Das besondere an Viikinmäki ist, daß die Anlage unterirdisch im Fels liegt. Dafür wurde während der Bauarbeiten das 10-fache Volumen des finnischen Parlamentsgebäudes aus dem Fels gesprengt. So sieht man von außen nur einige Gebäude, Schornsteine, die Köpfe der Faulbehälter und ein kleines Gasometer inmitten eines felsigen Grüngebietes neben der Autobahn nach Lahti. Von den gewaltigen Hallen und Klärbecken unter den Felsen erahnt man nichts. Zur Zeit ist ein neues Wohngebiet für 2000-3000 Menschen geplant, welches auf der Kläranlage entstehen soll. Auch dabei berücksichtigt man die "nachhaltige Entwicklung", denn aus dem Reinigungsprozeß anfallendes Faulgas soll zur Energieversorgung des Stadtteiles beitragen.
Durch die Verlegung in den Fels wurden die Umweltbelastungen minimiert. Hier stören keine Möwenschwärme und kein Gestank die Anwohner. Einer der Schornsteine dient zur Entlüftung und bläst die Abluft in großer Höhe in die Luft.
Der Klärprozeß läuft in 3 Stufen ab. Das Abwasser wird zuerst mechanisch von gröberen Stoffen befreit und wird dann auf 7 parallel angeordnete Becken verteilt, in denen der biologische Reinigungsprozeß beginnt. Dieses Belebtschlammverfahren wurde schon 1910 in Helsinki eingeführt, und die damalige Kläranlage war seinerzeit die erste der modernen biologischen Art in Skandinavien.
In der biologischen Reinigungsstufe mineralisieren Bakterien und Wimperntierchen die abbaubaren Abwasseranteile und binden sie in ihrer eigenen Biomasse. Sie setzt sich als Schlamm im Nachklärbecken ab. Der anfallende Schlamm wird von hier aus zur Schlammfaulungsanlage weitergeleitet.
Die 3. Reinigungsstufe ist chemischer Art und läuft parallel zusammen mit der biologischen Stufe ab. Es kommt zur Bildung von Eisenphosphat, welches dann im Nachklärbecken zu Boden sinkt. Die Kläranlage entfernt mit diesem Reinigungsprozeß 95% des Biologischen Sauerstoffbedarfs (BSB7) und Phosphors und entspricht damit finnischen und EU-Normen. Stickstoffnährstoffe wurden bisher nur zu etwa 35% aus dem Abwasser entfernt. Das ist heute allerdings nicht mehr akzeptabel, denn insbesondere Stickstoff ist gegenüber Phosphor der begrenzende Faktor für die Primärproduktion der Algen in der Ostsee. Durch die Eutrophierung kommt es vermehrt zu Algenblüten, die auch eine toxische Wirkung auf den Menschen haben können. U.a. deshalb muß Viikinmäki auch schon 1998 einen Stickstoffsäuberungsgrad von 50% erreichen. Die Anforderungen sollen in Zukunft noch steigen. Die Stickstoffentfernung aus dem Abwasser ist ein aktuelles Diskussionsthema und wird das Wasserwerk Helsinki etwa 200 Millionen FIM kosten. Viele Klärbecken müssen nämlich so modifiziert werden, daß neben aeroben (sauerstoffhaltigen) Bereichen auch anaerobe (sauerstofflose) Zonen entstehen, in denen spezialisierte Bakterien Nitrat in Luftstickstoff umwandeln, der dann in die Atmosphäre entweicht.
In der Schlammfaulungsanlage entsteht Gas, welches den gesamten Wärmebedarf der Kläranlage deckt und noch etwa 70 Prozent des benötigten Stromes produziert. Der zu Ende gefaulte Schlamm wird zum Schluß auf einer eigens dafür gebauten Kompostierungsanlage in Sipoo zu Gartenerde kompostiert, die jedermann dort kaufen kann.
Aber zurück zum geklärten Abwasser. Es hat nämlich noch einen 18 km langen Weg in einem weiteren Felsentunnel vor sich. Der Kanal endet im offenen Meer bei Katajaluoto südlich von Helsinki, und die Küste bleibt so von direktem Nährstoffeintrag verschont. Die Austrittsstelle ist für erfahrene Seefahrer ersichtlich, auch wenn man die erhöhte Bakterienanzahl im Wasser mit bloßem Auge nicht erkennen kann. Die noch enthaltenen Restnährstoffe werden durch die westwärtsgerichtete Meereströmung bald verteilt und haben somit keinen lokalen Einfluß.
Doch für die Ostsee ist der gesamte Eintrag an Nährstoffen durch die Anrainerstaaten ein ernsthaftes Problem (s. Anhang;). Der Phosphoreintrag in den Finnischen Meerbusen durch die Stadt Helsinki ist mit 0,5% relativ gering. Aus Rußland mit dem Großraum St.Petersburg kamen 1995 5950 Tonnen Phosphor. Dies entspricht einem Anteil am Phosphoreintrag von 78,1%. Die entsprechenden Zahlen für Stickstoff sind Helsinkis Anteil mit 1,8% im Gegensatz zu 58,2% aus Rußland (80.900 Tonnen in 1995). Die Eutrophierung macht sich insbesondere in Finnland bemerkbar, da die Abwässer aus Rußland durch die Meeresströmung an der finnischen Küste nach Westen abfließen. Aus diesen Gründen wird verstärkt auf Zusammenarbeit mit den örtlichen Wasserwerken in Rußland aber auch in Estland gesetzt.
Weitere Informationen erhält man bei Helsingin Vesi, Tiedotus, PL 19, FIN-00241 Helsinki oder unter http://www.helsinginvesi.fi
Raino-Lars.Albert (at) helsinki.fi
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