Universitas Helsingiensis

Jetzt ist es halt so, wie es ist!

Jetzt ist es halt so, wie es ist!Kari Enqvist hält es für müßig, über Geld bzw. Geld-mangel oder über den Konkurrenzkampf zu lamentieren. Wir leben hier und jetzt, und die Probleme, die auf uns zukommen, sind dazu da, bewältigt zu werden. Wenn wir schon einmal so gut sind, wie wir meinen.

Kari Enqvist hat es so weit gebracht, wie er es wollte — zumindest wenn man als Maßstab den Berufswunsch nimmt, den er als Kind hatte. In das Buch Kindheit goldene Zeit hat seine Mutter einst geschrieben, dass ihr Sohn Professor werden wolle, wenn er groß sei, „egal auf welchem Gebiet“. Professor Enqvist meint nun, dass er doch ausreichend opportunistisch gewesen sei zu begreifen, dass das Gebiet nicht egal ist.

”In der Schule war ich nicht gut. Vor allem in den Naturwissenschaften war ich keine große Leuchte. In Physik hatte ich die Note mangelhaft. Ich war auf einer Jungenschule, in den Stunden war es unruhig, und die Lehrer meinten, wer keine Lust habe, still zu sitzen, brauche dies nicht zu tun. Also sind wir nur herumgesprungen”, erzählt Enqvist.

Wie ist denn nun aus dem Schulfaulenzer ein auf dem Gebiet der Partikelphysik international renommierter Forscher und ein Professor für Kosmologie an der Universität Helsinki geworden? Zumindest nicht auf dem geradesten Wege. An der Universität hat Enqvist zuerst angewandte Psychologie studiert, da einer seiner Freunde dasselbe Fach gewählt hatte. Als Nebenfächer hat er anfangs Philosophie und Sozialpsychologie studiert.

”Von Philosophie habe ich rein gar nichts verstanden. Und ich habe es auch nie bereut, dass ich mein Psychologiestudium abgebrochen habe. Aus mir wäre ein mittelmäßiger, verbitterter Kommunalbeamter irgendwo Mittelfinnland geworden”, sagt Enqvist mit ernster Miene.

Während seiner Schulzeit in Lahti hatte er aber immerhin ein Hobby gehabt, das mit den Naturwissenschaften zusammenhing: das Interesse für den Sternenhimmel. Der Zögling des Astronomischen Vereins Ursa von Lahti kam schließlich darauf, dass er zu seinem Privatvergnügen an der Universität ja auch Astronomie studieren könnte.

Ruf der weichen Bänke

Als ein Freund ihm sagte, er gehe gerade zu einer Physikvorlesung, schloss Enqvist sich an.

„In dem alten Trakt des Instituts für Physik in der Adresse Siltavuorenpenger saßen wir auf furchtbar unbequemen, massiven Holzbänken. Die Vorlesungen in theoretischer Physik fanden jedoch in Hörsälen mit weichen Bänken statt. Also habe ich die erste Zwischenprüfung in theoretischer Physik mit der Note 1 abgeschlossen.“

Die Note 1 war die Mindestnote – 3 die beste –, und darüber ärgerte sich Enqvist dermaßen, dass er beschloss, auch noch die zweite Zwischenprüfung abzulegen und sein miserables Abschneiden durch eine bessere Note zu kompensieren. Zum Schluss saß er im Hauptseminar, und die Anforderungen wurden immer strenger.

„Ich habe dann in den sauren Apfel gebissen und konstatiert, wenn ich schon in den anderen Fächern nichts zustande bringe, dann wollte ich wenigstens in Physik gut sein. Ich habe mit mir selbst gerungen, und zum Schluss habe ich die Forscherlaufbahn eingeschlagen.“

Kari Enqvist meint, dass er einer der letzten Studenten der freien Universität gewesen sei. Das Erlangen eines bestimmten Berufs sei damals noch nicht so wichtig gewesen. Man ging auf die Uni, um sich ausreichend Wissen zu verschaffen, und dann bekam man meist auch einen guten Job.

„Für einen Naturwissenschaftler dürfte ich einen ungewöhnlich breiten Hintergrund haben. Könnte man das vielleicht Allgemeinbildung nennen?“

Mitglied eines Ordens

Enqvist promovierte im Jahre 1983 auf dem Gebiet der theoretischen Physik. Er sagt, er sei Forscher geworden, weil ihm das als eine Möglichkeit erschien.

„Ich habe damals nicht groß darüber nachgedacht, was die Arbeit als Forscher mit sich bringt. Über zwanzig Jahre lang habe ich immer nur kurzfristige Anstellungen gehabt. Das Dilemma eines Forschers besteht gerade darin, ob er es schafft, Professor zu werden oder nicht. Neue Professoren sind in Finnland eher um die fünfzig als um die vierzig. Und dann ist man schon zu alt, um noch etwas anderes zu machen, gleich was dann kommt. Die Forscherlaufbahn kann eine Einbahnstraße sein, in die man sich festrennt.“

Enqvist fällt es leicht, das wegweisende Erlebnis in seiner Laufbahn zu nennen. Im Jahre 1984 ging er als Forscher in die Theorieabteilung von Cern. Damals wurde „der Vorhang des Tempels etwas gelüftet“.

„Ich wurde eine Art Ordensmitglied. Als Student bin ich in die Welt hinausgegangen und war noch feucht hinter den Ohren, aber als professioneller Forscher bin ich heimgekehrt. Bei Cern habe ich die großen Namen der Partikelphysik kennen gelernt. Und ich habe bemerkt, dass ich mit dieser Truppe mithalten konnte.“

Die Rückkehr ins Heimatland kann indes hart sein. Enqvist nennt diese Erfahrung das Feeling Kolmatta linjaa takaisin – nach einem finnischen Schlager, der die Heimkehr in eine altbekannte Gegend beschreibt.

„Nichts ist passiert. Was einem mal wichtig gewesen ist, hat nun gar keine Auswirkungen auf andere. Im Ausland war das Gehalt in die Höhe geschossen, man hatte keine anderen Verpflichtungen, keine Verwaltung und keine Lehrtätigkeit. Dann kehrt man heim und muss erleben, dass die Arbeit hier reine Schufterei ist. Über die Seelenlandschaft von frustrierten Forschern könnte man Bücher schreiben.“

Zeitfressende Maschinerie

Mit der Tätigkeit als Professor ist Autorität verbunden, und Enqvist will dies auch gar nicht abstreiten. Wenn ein Post-doc-Forscher eine Schach-figur ist, so kann der Professor die Figuren führen – sofern er Zeit zum Schachspielen hat. Was Enqvist als aufreibender empfindet, ist die Aufsplitterung der Zeit.

„Irgendeine unbegreifliche Maschinerie frisst einem die Zeit weg. Der Tag ist im Nu vorüber, ohne dass man etwas geschafft hat.“

Vielleicht frisst auch eine solche Sache die Zeit des Professors wie die Popularisierung der Wissenschaft. Enqvist ist als aktiver Referent und Autor bekannt. In der Uni-Zeitschrift Yliopisto ist er als Kolumnist und Essayist in Erscheinung getreten. Enqvists Bücher werden auch von solchen Menschen gelesen, denen die Physik in der Schule ein Horror war. Die Texte entstehen neben der normalen Arbeit des Professors.

„Früher konnte man mal für ein ganzes Jahr weggehen, etwa nach Rom zum Meditieren, und von dort schrieb man einmal im Monat lange Briefe nach Hause. Heute ist so etwas gar nicht mehr möglich.“

Trotz der Zeit fressenden Maschinerie denkt Enqvist optimistisch. Seiner Meinung nach liegt an der Universität nicht alles im Argen.

„Im Laufe der Zeit hat sich das System so eingespielt, dass es funktionsfähig ist. Zudem ändert es sich die ganze Zeit. Ich habe keine radikalen Verbesserungsvorschläge. Die Stellung von jungen, begabten Forschern würde ich jedoch dahingehend verändern, dass ihnen die ständigen Professuren früher zugänglich sind als bisher. Ich weiß nicht, von welchem Planeten die Idee stammt, man müsse auch die Professuren zeitlich befristen. Zumindest an den internationalen Spitzenuniversitäten, den Centres of Excellence, findet man keine solchen Arrangements.“

Geld kein Garant für Spitzenergebnisse

Neben der Spitzenforschung gehört es zu den Aufgaben der Universität, einen entwicklungsfähigen wissenschaftlichen Nachwuchs heranzubilden. Und zugleich so etwas zu pflegen, was man Bildung und Zivilisiertheit nennen könnte.

„Finnland ist ohne weiteres ein zivilisiertes Land. Hier gibt es eine beachtliche Tradition in Fragen der Gleichberechtigung, und Gelehrtheit wird mehr geachtet als in den meisten anderen Ländern. Außerdem brauchen ja auch nicht alle eine wissenschaftliche Karriere zu machen, wenn sie nur gute Mitglieder der Gesellschaft werden.“

Enqvist lobt seine postgradualen Studenten; es sind intelligente und gewiefte junge Leute, die vor allem Raum brauchen – und das, was bei den meisten knapp ist: Zeit.

„Erfolg und Spitzenforschung sind mir etwas suspekte Begriffe, obwohl ich mich dafür einsetze, dass in hochklassige Forschung investiert wird. Aber man züchtet keine Spitzenkräfte mithilfe von Algorithmen und Verwaltung und nicht einmal dadurch, dass man in ein Projekt viel Geld steckt. Zumindest besteht keine direkte Relation in der Hinsicht, dass je mehr Geld investiert wird, desto ergiebiger die Forschung würde.“

Professor Enqvist ist der Meinung, dass in den Richtlinienentscheidungen der Staatsgewalt häufig ersichtlich wird, dass die Beamten das Wesen der Forschung verkennen. Enqvist schmunzelt über die die Besorgtheit, die der von der Arbeitsgruppe um Raimo Sailas vorgebrachte Gedanke einer Spitzenuniversität erregt hat.

„Die Konkurrenten der Universität Helsinki sind nicht in Finnland, sondern in aller Welt. Es ist völlig unbedeutend, welchen Namen die Technische Hochschule für sich in Anspruch nehmen möchte.“

Mehr als zehn Minuten

Konkurrenz und Internationalität bilden laut Kari Enqvist natürliche Bestandteile des Wissenschaftsbetriebs.

„Die Partikelphysiker reisen schon seit Jahrzehnten zum Studieren und Forschen ins Ausland. Vielleicht ist zum Beispiel auf dem Gebiet der Geschichtswissenschaften internationale Konkurrenz eine jüngere Erscheinung und von daher neu und fremd.“

Als Vorgesetzter und Betreuer der Studenten ist Enqvist bestrebt, die Hindernisse für ein effektives Arbeiten aus dem Weg zu räumen.

„Ich komme mir manchmal vor wie ein Staudamm-Ingenieur, der versucht, die Ströme der Nachwuchskräfte in bestmöglicher Weise in die richtigen Bahnen zu lenken.“

Der eigene Bildungsweg hat einen Einfluss darauf, dass Enqvist es jedem von seinen Studenten gönnt, das richtige Gebiet zu finden.

„Die Note 2 in der zweiten Zwischenprüfung in theoretischer Physik hat mich seinerzeit dermaßen gewurmt, dass ich in meiner Abschlussprüfung die Bestnote 3 haben wollte. Ich habe mich also laufend verbessert.“

Aber zum Vergangenen zurückkehren möchte Enqvist nun doch nicht.

„Es ist Mode, darüber zu jammern, warum nicht alles so ist wie früher. Jetzt ist es halt so, wie es ist. Man muss schlau und geschickt vorgehen und in den Wellen der Wissenschaft nach bestem Können lavieren. Auf keinen Fall sollte man seinen Kopf hängen lassen, sondern man muss sich durchschlagen.“

Würde Professor Enqvist weitere Bücher schreiben, wenn er auf einmal wieder mehr Zeit zur Verfügung hätte?

„Es lohnt sich nicht, zu viel Bücher zu schreiben. Aber ich würde gern mehr Fachliteratur und verschiedene andere Sachen lesen. Aber Lesen verlangt viel Zeit und Muße. Zehnminütige Pausen irgendwann zwischendurch reichen nicht aus.“

Kari Enqvist wurde 2007 aufgrund seiner Verdienste als Wissenschaftsvermittler mit dem J.V. Snellman-Preis der Universität Helsinki ausgezeichnet.

Arja Tuusvuori

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