The quarterly of the University of Helsinki |
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Vater unser Die Nachfolger Jesu lebten in einer explosiven Gesellschaft, in der die römischen Besatzungstruppen und verschiedene Rebellenbewegungen ein Klima der Gewalt schufen. Eine jüngst fertig gestellte Untersuchung sucht zu klären, in welcher Weise die frühen Mitglieder der Jesusbewegung das Vaterunser, das „Gebet des Herrn“, gebraucht haben. Arja-Leena Paavola |
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![]() Zu Lebzeiten Jesu wirkten in Palästina zwei bestimmende Faktoren. Zum einen übten die Besatzungstruppen des römischen Imperiums eine strenge Kontrolle über das Land aus. Zum anderen mussten sich das Judentum und die damit verbundene Kultur sowie die vom Jerusalemer Tempel geschaffene religiöse Hegemonie in irgendeiner Weise mit der Besatzungsmacht arrangieren. „Wie sich aus dem Neuen Testament schließen lässt, war das Judentum sehr vielfältig. Die von den Zeloten angestachelte Aufstandsbewegung versuchte, sich von den Eroberern zu lösen, während die zur Elite gehörenden Sadduzäer gern mit den Römern fraternisierten“, erläutert Olli Hallikainen, Doktor der Theologie. Hallikainen hat in seiner im Frühjahr vorgelegten Dissertation die Stellung des Vaterunser-Gebets im Evangelium der Worte Jesu geklärt. Das Gebet gibt Hinweise auf die soziale Realität, in der die frühen Christen gelebt haben. „Die frühen Christen waren wahrscheinlich gerade jene stillen Menschen auf dem Lande, Klein-bauern und Handwerker, auf denen durch die Besteuerung ein schwerer wirtschaftlicher Druck lastete, die aber ohne jedes Mitspracherecht blieben. Im Vaterunser bittet man um das tägliche Brot, um Vergebung der Schuld und darum, nicht in Versuchung geführt zu werden, was darauf hinweist, dass diese Menschen ein bescheidenes, aber unsicheres Leben geführt haben.“ Die römischen Besatzungstruppen und die Aufständischen, die sich gegen die Römer wandten, hielten eine Atmosphäre der Gewalt aufrecht. Die Einstellung zu den Armen war hart; sie waren nur dazu da, um Steuern zu zahlen, und die Machthaber hatten kein Interesse daran, die Lebensbedingungen dieser Menschen zu bessern. Die Städte, die von der Elite der Gesell-schaft beherrscht wurden, beuteten die ländlichen Gebiete in ihrer Umgebung aus. Überschuldete Landbevölkerung„Die zentrale Botschaft Jesu war die, dass das Reich Gottes nahe sei, und mit diesem Gedanken ist die Verwirklichung der Gerechtigkeit und das Versprechen verbunden, dass Gott auf der Seite der Armen stehe und die Bedürfnisse derjenigen Menschen erkenne, die von den anderen verstoßen worden waren. Im Reich Gottes seien alle Vorrechte aufgehoben, und gerade die Armen würden in das Reich eingehen“, fasst Hallikainen zusammen. In der Praxis wurde den Bürgern eine zweifache Steuer auferlegt. Die Römer forderten ihre eigene Steuer und fragten nicht danach, ob die Menschen überhaupt zahlungsfähig waren. Zum zweiten war eine Steuer an den Tempel von Jerusalem zu entrichten. Zwar wurde diese Steuer nicht mit Zwangsmaßnahmen eingetrieben, aber es bestand eine Art freiwilliger Zwang, die Steuer zu zahlen und damit das teure Tempel-wesen zu unterhalten. Diese Praxis belastete vor allem die Bewohner der ländlichen Gegenden, die völlig von der Ernte des jeweiligen Jahres abhängig waren. Bei Missernten mussten sie sich Geld leihen, um die Steuern zahlen zu können. Für viele bedeutete dies Überschuldung und eine stetig wachsende Belastung durch Zinsen und Zinseszinsen. „Die Erbländer von vielen Sippen wurden als Sicherheiten für das geliehene Geld verpfändet, und im schlimmsten Fall mussten die Menschen dann ihren Grund und Boden verlassen und ein unstetes Landstreicherleben antreten, oder sie sanken zu Pachtbauern herab. Für die Gesellschaft war dieser Zustand unerträglich. Man weiß, dass es im ersten Jahrhundert unserer Zeit-rechnung mehrere Steueraufstände gegeben hat. Die Zeloten waren eine Gruppe, die die Aufständischen gegen die Römer aufhetzte. Sie unternahmen gewalttätige Überfälle auf die Schuldenarchive, um die Dokumente zu vernichten. Der römische Staat konnte dieser Aufstände jedoch Herr werden. Zum Schluss, unter der Herrschaft von Vespasian, wurde in dem so ge-nannten Judenkrieg der Jahre 66–70 der Tempel von Jerusalem zerstört, und Bürger der Stadt wurden in großer Zahl getötet. Aktivität endete in einer KatastropheUnter den heutigen Forschern besteht Einhelligkeit darüber, dass Jesus eine historische Person war. Das früheste der Evangelien, das Markusevangelium, ist Untersuchungen zufolge in den siebziger Jahren geschrieben worden, also rund vierzig Jahre nach dem Tode Jesu. „Man kann sich kaum vorstellen, dass die Evangelien frei erfunden worden wären, und zwar gerade deshalb, weil es zwischen ihnen Wi-dersprüche gibt. Die Widersprüche bringen Glaubwürdigkeit ein; von demselben Ereignis wird in einer etwas anderen Weise erzählt und in Versionen, die in den Details voneinander abweichen. Wären die Evangelien reine Fiktion – so sagt mir meine Vernunft –, hätte man sie logischer abgefasst. Zudem haben wir ja auch Quellen außerhalb des Neuen Testaments wie zum Beispiel die Schriften des römischen Geschichtsschreibers Tacitus, der von der Hinrichtung Jesu berichtet hat.“ Hallikainen erinnert daran, dass die Aktivität Jesu keine große Anhängerschar gefunden hat, sondern eher marginal blieb. Und man könnte sagen, dass sie in einer Katastrophe endete. Jesus wurde als sehr junger Mann nach nur wenigen Jahren hingerichtet. Wesentlich ist nun, was nach Jesus geschah: Man sprach von seiner Auferstehung, und daraus erwuchs jene Basiserzählung, die immer mehr Anhänger fand. Man hat kein Evangelium der Worte Jesu als eigenständige Handschrift gefunden. Im 19. Jahrhundert kam unter den Exegeten die Theorie von zwei verschiedenen Quellen auf. Als man die in griechischer Sprache verfassten Evangelien des Matthäus und Lukas miteinander verglich, bemerkte man, dass sie viel gemeinsames Material enthielten, und zwar solches, was aus dem Markusevangelium stammte. Außerdem entdeckte man in ihnen auch noch andere Charakteristika, die nicht von Markus herstammten. „Dann kam die Hypothese auf, dass es noch eine andere Quelle gäbe, die man mit dem deutschen Wort ‚Quelle’ bezeichnete und die sodann abgekürzt als ‚Q’ bekannt wurde. Diese sei das Evangelium Jesu, in dem dessen Lehrreden und Worte versammelt seien“, erklärt Hallikainen. Bedeutung erhalten gebliebenHinter der schriftlichen Form von Q dürften Dorfschreiber gestanden haben, die ausreichend gebildet waren und die Fertigkeit besaßen, mündliche Überlieferung schriftlich festzuhalten. Q enthält viele treffende Aphorismen und lehrhafte Worte, die einprägsam sind und sich leicht mündlich weitergeben lassen. „In einem internationalen Forschungsprojekt hat man den Wortlaut des Evangeliums Jesu rekonstruiert, auf den ich in meiner eigenen Untersuchung zurückgegriffen habe. An einigen Stellen war es leicht, den Wortlaut von Q zu klären, da er in beiden Evangelien derselbe ist. An anderen Stellen ist die Rekonstruktion mehr oder minder spekulativ. So hat gerade beim Vaterunser Matthäus einen längeren Wortlaut als Lukas, so dass man gezwungen war, Spekulationen darüber anzustellen, welches Evangelium von den beiden dem Wortlaut von Q näher käme.“ Warum spricht ein zweitausend Jahre altes Gebet die Menschen noch heute an? „Es steht noch immer mit den Grund-bedürfnissen des Menschen in Verbindung, zum Beispiel wenn vom täglichen Brot und der Vergebung der Schuld die Rede ist. Jesus hat Gott als Vater angesprochen, was sicherlich auch die Menschen berührt hat. Ich selbst komme aus einem religiösen Elternhaus, und schon als Kind habe ich mir Gedanken darüber gemacht, was mit diesem Gebet gemeint sei. Durch meine Forschungen habe ich nun auf einige Fragen Antworten gefunden.“ „Zu den Nachfolgern Jesu hat das Gebet in einer sehr konkreten Sprache gesprochen. Später hat es einen stärker abstrakten Inhalt bekommen. Die meisten Finnen haben heute zwar ihr gesichertes Auskommen, aber Überschuldung ist immer noch für viele ein Problem. Das Vaterunser erinnert an die Grundbedürfnisse des Lebens, die nicht immer selbstverständlich sind, auch wenn wir es uns manchmal so vorstellen. Reichtum und Wohlstand sind ein Geschenk, dessen wir uns freuen können und das wir mit jenen teilen können, die weniger haben.“ Olli Hallikainen: The Lord’s Prayer in the Sayings Gospel Q. Tyylipaino 2005. 201 S. ISBN 952-91-8638-x.952-10-2435-6. http://ethesis.helsinki.fi/
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