Universitas Helsingiensis

The quarterly of the University of Helsinki

Der lange Weg von Ostpreußen
Im Sommer 1954 hat Dietrich Assmann zum ersten Mal Finnland besucht und war begeistert. Das nordische Land erinnerte ihn an das schöne Ostpreußen, seine Heimat, die er mit zwölf im Zuge der Evakuierung der deutschen Bevölkerung verlassen musste.

Siina Vasama

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Bereits ein Jahr später kehrte Assmann nach Finnland zurück und ließ sich an der Universität Helsinki einschreiben, um sein Studium fortzusetzen. Am 7. November erhielt er einen Anruf vom Germanistischen Institut. Ein Lektor sei erkrankt, könne er morgen um zwölf eine Vorlesung halten?

„Das Thema war die Reformation in Deutschland und die Rolle Martin Luthers für die deutsche Literatur. Die Vorlesung war ein großer Erfolg. Da ich nur wenig zu sagen hatte, habe ich langsam gesprochen, Fakten wiederholt und viele Sachen an die Tafel geschrieben. Die Studenten waren sehr zufrieden, denn sie hatten genug Zeit, sich Notizen zu machen“, lacht Assmann.

Als ungezwungener, sich natürlich gebender Lehrer ist Assmann all die Jahre hindurch beliebt geblieben: als er in Helsinki als Lektor für germanische Philologie und Dozent für deutsche Literatur sowie in Joensuu als Professor für Literaturwissenschaft wirkte.

„Für mich war es sicherlich auch von Vorteil, dass das Finnische nicht meine Muttersprache ist. Wenn ich Vorlesungen auf Finnisch hielt, konnte ich nicht sofort alles so elegant formulieren, sondern musste zwischendurch die Studenten fragen, wie man etwas ausdrückt. Dadurch hat sich eine Beziehung zu den Studenten entwickelt, die weniger von Distanz und mehr von Diskussion geprägt war“, meint Assmann.

„Ich habe meine Vorlesungen nie im Voraus niedergeschrieben! Ich hatte solch ein verrücktes System, dass ich mir die Notizen auch dann auf Deutsch machte, wenn ich auf Finnisch reden musste. Ein Text, der in demselben Moment entsteht, in dem er vorgetragen wird, ist für die Zuhörer anscheinend weniger langweilig und einschläfernd“, sagt Assmann augenzwinkernd.

Wenn Dietrich Assmann im nächsten Herbst noch eine Vorlesung hält, hat er in diesem Metier ganze fünfzig Jahre hinter sich. Er verspricht schon jetzt, dass er seine erste Vorlesung nicht noch einmal halten wird.

Als Assmann Romane untersuchte, deren Handlung sich an einem einzigen Tag abspielt, lernte er Volter Kilpis Hauptwerk Alastalon salissa („Im Saal von Alastalo“) kennen – einen Roman, der in einer eigenwilligen Sprache geschrieben ist und als schwer lesbar gilt. „Ich war sofort gefesselt – und bin es immer noch!“

Assmanns Begeisterung führte 1998 zur Gründung der Volter-Kilpi-Gesellschaft. „Einige meiner Freunde haben mir gesagt, sie hätten sich darüber geärgert, dass ich ihnen zuvorgekommen sei. Natürlich war es schon etwas merkwürdig, dass da ein Deutscher daherkommt und eine solche Gesellschaft gründet“, schmunzelt Assmann.

Für Assmann ist Volter Kilpi die Haupt-beschäftigung geblieben, auch nachdem er in den Ruhestand getreten war. Die Gesellschaft hat Texte von Kilpi und Artikel über ihn und seine Werke veröffentlicht. Im Sommer kann man den Emeritusprofessor im Milieu der Saaristosarja (des „Schären-Zyklus“) in Kustavi auf den Volter-Kilpi-Literaturwochen entdecken, aber man sieht ihn häufig auch in Archiven sitzen. Sein Traum ist, eine Volter-Kilpi-Biographie zu schreiben.


Wer war Volter Kilpi?

Der Schriftsteller Volter Kilpi (1874–1939) ist in Kustavi im Schärengürtel vor Turku geboren. Dort hat er die Elemente für seinen Schären-Zyklus gefunden – eine Reihe von Werken, die Heimat- und Weltliteratur zugleich sind.

Viele Werke von Volter Kilpi, den man den „James Joyce Finnlands“ genannt hat, handeln in der Goldenen Ära der bäuerlichen Schifffahrt von Kustavi, als große Segelschiffe aus den finnischen Schären in alle Welt fuhren. Kilpis berühmtestes Werk ist der Roman Alastalon salissa („Im Saal von Alastalo“). In diesem 900 Seiten starken Werk wird der Bau einer neuen Bark erwogen. Alles spielt sich im Laufe von sechs Stunden in einem Raum statt, aber dem Leser eröffnet sich das ganze Leben der Schärengemeinde und die vielfältigen Schicksale ihrer Bewohner.

Die Bedeutung des Schaffens von Volter Kilpi wurde bereits in den dreißiger Jahren erkannt. Für den Leser liegt die Schwelle, sich mit Kilpis Werken vertraut zu machen, hoch, aber wer sie überwunden hat, weiß, dass es sich lohnt. Dies beweisen beliebte T-Shirts, auf denen steht: „Ich habe Alastalon salissa gelesen“.


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