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the quarterly of the University of Helsinki
Die Welt sieht anders aus – in den Augen des Philosophen
„Ich habe das Philosophiestudium aufgenommen, um denken zu lernen“, begründet ein Student die Wahl seines Fachs. Viele wollen heutzutage nicht nur die Oberfläche ankratzen, sondern mehr in die Tiefe gehen, und deswegen ist Philosophie in!

Pauliina Susi

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„Die Welt ist nicht unbedingt so, wie sie aussieht“. Überraschende Sätze wie dieser haben seinerzeit im jungen Risto Vilkko das Inte-resse an der Philosophie geweckt. Heute ist Vilkko am Philosophischen Institut der Universität Helsinki als Amanuensis, als eine Art Verwaltungsleiter, tätig. Immer neue Generationen von jungen Studenten wollen an die Grenzen ihres Denkens gehen, indem sie das Studium der Philosophie aufnehmen.

Ihre ersten Kontakte zur Philosophie erhalten die jungen Finnen heutzutage bereits in der Schule, denn im vergangenen Jahrzehnt wurde Philosophie in der gymnasialen Oberstufe als Pflichtfach eingeführt. Zugleich ist das Interesse an einem Philosophiestudium an der Universität sprunghaft gewachsen. Seit dem Ende der neunziger Jahre wälzt sich eine wahre Flut von Studenten in die Aufnahmeprüfungen, und viele nehmen das Studium der Philosophie als Nebenfach auf. In die Vorlesungen von populären Dozenten und Professoren drängen sich mehr Zuhörer, als in die Hörsäle hineinpassen.

„Zwar ist der grö§te Boom schon wieder vorbei, aber Philosophie ist nach wie vor beliebt, und zwar au§er als Haupt- auch als Nebenfach“, erklärt Risto Vilkko.

Werkzeuge zum Debattieren

An der Universität Helsinki kann man Philosophie an der Humanistischen Fakultät (theoretische Philosophie auf Finnisch oder Philosophie auf Schwedisch) und an der Staatswissenschaftlichen Fakultät (praktische Philosophie) studieren.

Im Studium der theoretischen Philosophie wird man in das menschliche Denken, in die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie eingeführt. Die Studierenden werden in die philosophische Analyse und Argumentation eingeweiht. Sie lernen die Grundbegriffe der systematischen Philosophie, die wichtigsten Auffassungen und Denkrichtungen der einzelnen Teilgebiete der Philosophie sowie deren Geschichte kennen.

In der praktischen Philosophie konzentriert man sich zum einen auf die Ethik und Moralphilosophie, zum anderen auf die Philosophie der Gesellschaftswissenschaften. Sie umfasst die allgemeinen Methoden der Begriffs- und Theoriebildung, die erkenntniswissenschaftlichen und logischen Grundlagen dieser Methoden sowie Fragen zu der Natur und der Entwicklung der Gesellschaftswissenschaften und deren Beziehung zur Gesellschaft.

Philosophie ist eine gute Stütze für das Studium anderer Wissenschaftsbereiche. Zahlreiche Philosophiestudenten studieren au§erdem Mathematik, allgemeine Sprachwissenschaft, Literatur, Geschichte, Erziehungswissenschaft, Soziologie oder Psychologie.

„Viele Studenten, die Philosophie im Hauptfach hatten und die in den letzten Jahren ihren Abschluss gemacht haben, sind Lehrer oder Wissenschaftler geworden. Philosophen sind auch als Planer, Redakteure, Übersetzer und Verlagslektoren tätig.“

Manche Philosophiestudenten, die ihren Magisterbrief in der Tasche haben, haben eigene Firmen gegründet, die den Kunden philosophische Diskussionen und Konsultationen anbieten.

„In anderen europäischen Ländern und in den USA sind Philosophen im Wirtschafsleben mehr gefragt. Für Experten in angewandter Ethik, zum Beispiel in der Ethik der Medizin, gibt es dort viele gute Arbeitsplätze.“

Kein Sprungbrett

„In der Philosophie werden die grundlegenden Fragen, die mit der Welt, dem Leben und dem Menschsein zusammenhängen, kritisch betrachtet. Im reinsten Fall ist die Philosophie frei von allen äu§eren Interessen, sie ist kein Mittel zu irgendeinem Zweck“, erläutert Risto Vilkko.

Dies wird auch in den Einstellungen der Studenten deutlich. Kaum jemand gibt sich der Illusion hin, dass das Philosophiestudium als Sprungbrett zu einem „tollen, gut bezahlten Job“ dienen könnte. Der eine kann zum Beispiel in Logik begabt sein, und für den anderen ist die Philosophie ein liebes Hobby, das er durch das Studium vertiefen will.

Was verlangt ein Philosophiestudium denn nun? Zumindest Offenheit und Objektivität. Also dieselben Tugenden wie in den übrigen Wissenschaften auch.

„Demut und unvoreingenommene Kühnheit in der richtigen Proportion“, fügt Risto Vilkko hinzu.

„In der Philosophie werden Fragen erörtert, über die jeder Mensch in einer bestimmten Phase seines Lebens nachdenken sollte. Was bedeutet ein gutes Leben? Was ist Wissen, Wahrheit und Existenz?“, meint Vilkko.

Kehren wir also zum Ausgangspunkt zurück. Zu überraschenden Erkenntnissen über irgendeine grundlegende Sache. Zum Beispiel zu der These, dass die Welt nicht unbedingt so ist, wie sie aussieht.

„Oder vielleicht doch“, meint Risto Vilkko und lacht verschmitzt.


„Philosophiestudenten sind eine Inspirende Gesellschaft“

„Ich habe das Philosophiestudium aufgenommen, um denken zu lernen“, erläutertn Joose Sauli seine Entscheidung. Mit dem Fortschritt des Studiums ist sein Heißhunger gewachsen, die erlernten Kenntnisse und Fertigkeiten in der Praxis anzuwenden. Zu Zeit ist er dabei, das Studium der Volkswirtschaft zu beginnen.

„Es ist schwierig zu sagen, was für Denkfertigkeiten man in der Philosophie lernt. Eine wichtige Sache ist die, dass man leichter bemerkt, wenn die eigenen Gedanken oder die von anderen in sich nicht schlüssig sind. Eine zweite Fertigkeit besteht darin, die Ursache für dieses Durcheinander zu finden und dieses aufzudröseln.“

Laut Sauli sind die übrigen Philosophiestudenten eine inspirierende Gesellschaft. Mit ihrer Hilfe lernt man intellektuelle Flexibilität und das Vermögen, alternative Denkweisen durchzuprobieren, ohne an Kritikfähigkeit einzubüßen.

„Und wenn ich ein bisschen weiser geworden bin, genieße ich es in vollen Zügen, ohne dass ich das in meinem Curriculum vitae aufführen könnte.“

Voraussetzung: gute Sitzmuskeln. Nutzen: breite Skala an Möglichkeiten

„Nach einigen vertrödelten Jahren und unglaublich idiotischen Jobs musste ich einfach anfangen zu studieren. Philosophie schien mir ein Fach mit einer ausreichend breiten Skala zu sein und mir noch die Bedenkzeit von ein paar Jahren zu geben, was ich werden will, wenn ich mal groß bin“, erklärt Kalle Videnoja.

Ihn faszinieren neben dem analytischen modernen Diskurs vor allem die breite Skala der Philosophie, die Verknüpfung mit der Geschichte des Denkens und dem europäischen Kulturerbe im Allgemeinen. Das Studium hat ihm neue Werkzeuge in die Hand gegeben, die es ihm ermöglichen, Dinge in Frage zu stellen und wissenschaftliche Texte zu lesen.

„Außer guten Sitzmuskeln braucht man für das Studium ein echtes Interesse an einer Debatte, die mittels philosophischer Argumentation geführt wird. Manchmal, in finsteren Nachtstunden, habe ich mich gefragt, ob das Ganze überhaupt einen Sinn hat, aber die Morgensonne hat mir stets neuen Glauben in die Möglichkeiten der Philosophie eingeflößt!“

Ziel: sinnvolle Arbeit

Jussi Saarinen findet an der Philosophie das Erörtern und Infragestellen von Dingen faszinierend.

„Wahrheit als Ziel und Fähigkeit zur Selbstkritik sind Dinge, die mich interessieren. Auf keine Frage gibt es eine erschöpfende Antwort, und wenn jemand eine solche gibt, so gilt sie nur so lange, bis ein anderer ein Gegenbeispiel findet und aufzeigt, dass dem doch nicht so ist.“

Saarinen ist davon angetan, dass das Studium ihm genau so viel gibt, wie er aufzunehmen gewillt ist. An der Universität Helsinki gibt es ein außerordentlich breites Angebot an Lehrveranstaltungen und Kursen.

„Wenn man die akademische Freiheit richtig zu nutzen versteht, erhält man für sich das beste und sinnvollste Ergebnis.“

Über das Arbeitsleben und seinen zukünftigen Beruf hat Saarinen noch nicht groß nachgedacht.

„Höchstwahrscheinlich werde ich Fachlehrer, aber ich schließe auch eine wissenschaftliche Tätigkeit nicht aus. Ich möchte mir die Türen in verschiedenen Richtungen offen halten. Die Hauptsache ist, dass ich die Arbeit als sinnvoll empfinde.“

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