Universitas Helsingiensis
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- Spring issue 2007
- Editorial
- In the paw steps of the king of the forest
- A greener tale
- Fairer coffee for Kilimanjaro
- Home away from home
- It's in the genes
- In Mannerheim's footsteps
- High-tech organics
- The trouble with human rights
- Der Fingerabdruck von Moos
- Stadt in Bewegung
- On land, sea and air
- Jäätelötötterö at minus 20 degrees
- The help and support of friends is irreplaceable
- 'I'd like to meet your Excellency'
- It's ironic, isn't it?
- Atom for peace and prosperity - tuberous cassava - tropical root crop improvement
- UH index for 2006
Stadt in Bewegung
Die innere Migration innerhalb der urbanen Regionen hat in den letzten Jahren in Finnland ein großes Ausmaß angenommen. Uns stehen ein rasanter Wandel in der Stadtstruktur und ein neuartiges Anwachsen der Unterschiede bevor.
Die Finnen meinen häufig aus Scherz, dass sie gern in einem Eigenheim inmitten der Stadt am Ufer eines Sees und am Rande eines Waldes wohnen möchten. In Wirklichkeit hat es viele in die Vorstadtsiedlungen des Großraums Helsinki verschlagen. Die finnische Hauptstadt samt ihrer Umgebung ist jedoch im internationalen Vergleich eine recht außergewöhnliche urbane Region. Die Entwicklung wurde zum einen von dem System des nordischen Wohlfahrtsstaates bestimmt, das die Einkommensunterschiede stark nivelliert hat, und zum anderen von der Politik der sozialen Mischung, die selbst geringe sozioökonomische Differenzen regional ausgeglichen hat.
„Als Ergebnis ist eine Stadt entstanden, über die sich die Gebiete mit minder bemittelter Bevölkerung mosaikartig verteilen. Eine umfassende und tief greifende Kumulierung von Minderbemittelten, wie sie uns aus anderen Ländern bekannt ist, ist bei uns nicht eingetreten“, berichtet der Professor für Stadtsoziologie Matti Kortteinen.
Den Wissenschaftlern zufolge wird sich diese Situation in den nächsten Jahren jedoch spürbar verändern, denn wir leben in einer Zeit einer neuartigen Internationalisierung und Suburbanisierung. Die innere Migration der urbanen Regionen hat ein hohes Ausmaß angenommen, und die Stadtregionen wachsen rasch. Insgesamt gesehen wird die Bevölkerungsbewegung ein ebenso immenses Niveau annehmen wie in den siebziger Jahren, als die Menschen massenweise vom Lande in die Städte zogen. Auf der anderen Seite beträgt die Urbanisierungsquote in Finnland nach wie vor nur 66 Prozent, während sie in Schweden bereits bei 87 Prozent liegt.
„Höchstwahrscheinlich werden in der Zukunft rund 20 Prozent der Finnen in die Städte ziehen. Es geht also um eine Massenmigration von rund einer Million Menschen“, kalkuliert Kortteinen.
Stadtplanung neu überdenken
„Die Entwicklung der finnischen Städte ist bislang eine nationale Erfolgsstory gewesen, auf die wir mit Grund stolz sein können. Aber jetzt haben die Märkte begonnen, auf die Entwicklung Einfluss zu nehmen, und unter diesen neuen Bedingungen greifen die Instrumente der alten Stadtpolitik nicht mehr. Die Kehrseite der Suburbanisierung ist ein neuartiges Anwachsen der sozioökonomischen und regionalen Unterschiede. Die Neureichen scheinen sich in den wachsenden Eigenheimzonen an der Peripherie niederzulassen, während schlechter Gestellte in der aus vielen Gemeinden bestehenden Hauptstadtregion sich in bestimmten Gebieten der Kerngemeinde, also in Helsinki, kumulieren. Die Entwicklung hat begonnen, derjenigen von mitteleuropäischen Kerngebieten zu ähneln, für die der dominierende Entwicklungstrend die Regression der Kerngemeinde der Metropole darstellt.“
Laut Kortteinen hat man die Auswirkungen der heutigen Stadtplanung nicht bis in die letzte Konsequenz durchdacht. Die Stadtplanung ist bestrebt, einer Zersplitterung der Stadtstruktur unter anderem dadurch entgegenzuwirken, dass man die Zonen entlang der Eisenbahnlinien mit mehrgeschossigen Wohnhäusern dicht bebaut. Die Bevölkerung zieht jedoch das Wohnen in Eigenheimen vor, und die finanziell besser Gestellten können sich ihren Traum verwirklichen.
„Es tritt somit eine Situation ein, bei der die Stadtplanung zwar die Zersplitterung der Stadtstruktur zu verhindern sucht, stattdessen aber ein urbanes Milieu schafft, das die besser Bemittelten in weiter weg gelegene Gebiete vertreibt. Die sozio-ökonomischen und kulturellen Unterschiede sind im Zuge der Internationalisierung so groß geworden, dass der administrative Zwang, nebeneinander zu wohnen, nicht unbedingt Gemeinschaftlichkeit erzeugt. Wenn die Bevölkerungsteile, die in kommunalen Mietwohnungen leben, sozioökonomisch ärmer und ethnisch vielfältiger werden, so bildet sich aus dem kommunalen Wohnen eine Schneise, die innerhalb der Region Segregation hervorbringt und gliedert. Die zentralen Leitgedanken der Stadtplanung müssen neu überdacht werden. Außerdem besteht ein großer Bedarf an einer Forschung, die die aktuelle Entwicklung zum Objekt hat. Eine solche Forschung könnte bei dem Monitoring, der Kontrolle und der Steuerung der Entwicklung von Nutzen sein“, merkt Kortteinen an.
Forschung von Block zu Block
In den achtziger und neunziger Jahren ist eine verschiedenartige, qualitativ ausgerichtete For-schung zum Mainstream der soziologischen Forschung und Lehre geworden. Dieser Ansatz, der das Schwergewicht auf qualitative Materialien und den kulturellen Aspekt legt, eignet sich am besten für die Untersuchung von einzelnen kleinen Gemeinschaften und Gruppen. Der neue Mainstream der Soziologie hat sich also vor allem auf die Erforschung von kulturellen Phänomenen auf Mikroebene konzentriert, während nun jedoch von ihrem Maßstab her umfangreiche strukturelle Wandlungen im Gange sind.
„Wir haben ein von der Universität und den Großstädten gemeinsam finanziertes Stadtforschungsprogramm in Angriff genommen, dessen Grundgedanke darin besteht, eine problembasierte, multidisziplinäre Zusammenarbeit zustande zu bringen. In unseren gemeinsamen Projekten zusammen mit Mari Vaattovaara, Professorin für Stadtgeografie, haben wir einen neuartigen Ansatz entwickelt“, berichtet Kortteinen.
Das in der modernen Stadtgeografie entwickelte Ortsdatensystem macht es möglich, die sozioökonomische und regionale Struktur der Städte mit der gewünschten Präzision und in zeitlichen Sequenzen abzubilden.
„Auf diesem Wege ist es möglich, Beschreibungen zu erhalten, die zum einen sehr exakt sind, zum anderen aber auch die Makroebene umfassen, und zwar darüber, in welcher Weise sich die soziale und regionale Struktur der Stadt verändert. Die kleinsten Forschungseinheiten umfassen einen Häuserblock, so dass die Beschreibungen so fein abgestimmt sind, dass sich auf der Grundlage der Bevölkerungsstatistiken aus dem Blickwinkel der Bewohner kulturell sinnvolle Milieus und Gemeinschaften voneinander differenzieren lassen. Diese können dann anhand von verschiedenen Feldforschungen und qualitativen Materialien untersucht, analysiert und beschrieben werden. Im besten Fall ergänzen sich diese verschiedenen Zugangsweisen einander und resultieren in einer Forschung, die nicht nur das beschreibt, was ganz allgemein vor sich geht, sondern auch, was dies für die Menschen bedeutet“, erläutert Kortteinen.
Auffälliger Wandel
Kortteinen hat von Kind auf in Helsinki gewohnt, und zwar die ersten zwanzig Jahre seines Lebens in Maunula, das sich zu jener Zeit zu einer Drogenszene innerhalb der Region entwickelte.
„Damals ging es hoch her, besonders in der Freizeit, in der Umgebung des Hauptbahnhofes und am Einkaufszentrum Suursuo. Als ich noch in Maunula lebte, war das Gebiet voller Kinder und Jugendlicher; die geburtenstarken Jahrgänge sind dort in den Schulen und auf den Straßen aufgewachsen. Heutzutage ist es still geworden, und die ganze Gegend ist verödet. Als ich zum Beispiel im letzten Sommer eines Sonntagmorgens in Maunula war, waren draußen nur einige wenige Menschen zu sehen, die sich gegen ihren Kater vom Kiosk eine Flasche Bier holten. Das Gebiet ist im Vergleich zur übrigen Stadt deutlich veraltet und auch verarmt.“
Kortteinen begann seine Soziologenlaufbahn unter Professor J. P. Roos gegen Ende der siebziger Jahre, als er als entlohnte Hilfskraft im Rahmen des Forschungsprojekts „Wandel der Lebensweise“ die Bewohner einer gerade erbauten Wohnsiedlung in Vantaa, einer Trabantenstadt von Helsinki, interviewte.
„Ich habe junge Familien mit Kindern in freier Weise befragt und die Interviews auf Tonband aufgenommen. Diese Studie hat als zentrales Resultat ergeben, dass die bäuerliche, von ihren Wurzeln losgerissene patriarchalische Familienstruktur in Folge der Landflucht in einer Krise endete. Besonders den Männern fehlte der Boden unter den Füßen, die alte Scholle als fester Grund. Dieses allgemeine Problem ist in den Familien in unterschiedlicher Weise zutage getreten, meist in Streitigkeiten und Konflikten.“
Derartige Interviews haben die Wissenschaftler eng an ihr Objekt herangebracht.
„Nachdem die anfängliche Scheu überwunden war, hat eine Familienmutter, die gerade auf Schwangerschaftsurlaub war, begonnen, über den Alkoholismus ihres Mannes und andere Probleme zu sprechen, und wie aus einem Vulkan sprudelte dann ihre ganze Lebensgeschichte samt den Schwierigkeiten und Lösungsversuchen aus ihr hervor. Ich hatte zum Schluss das Gefühl, dass die damaligen Wohnsiedlungen voll von jungen Müttern waren, die sich sehr um ihre Familien sorgten und die davon angetan waren, wenn ein Außen-stehender ihnen wirklich einmal zuhörte und sie zu verstehen schien.“
Arja-Leena Paavola