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The quarterly of the University
of Helsinki |
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Auf den Spuren des kulturellen GedächtnissesKulturen haben ein langes Gedächtnis und Religionen eine wesentliche Funktion bei der Pflege und Weitergabe des kulturellen Gedächtnisses. Das kulturelle Gedächtnis ist ein aktuelles, fächerübergreifendes Thema der Kulturwissenschaften geworden. Timo Veijola
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Die Diskussion hat maßgebliche Anregungen von dem Heidelberger Ägyptologen Jan Assmann erhalten, dessen Werk Das kulturelle Gedächtnis (1992) eine meisterhafte Darstellung darüber bietet, wie die antiken Hochkulturen Ägyptens und des Nahen Ostens dem Problem der kulturellen Identität und Kontinuität begegneten. Mentale Geschichte und kulturelle IdentitätEs ist für jede Kultur unerlässlich, eine Art konnektive Struktur herzustellen, die sowohl eine soziale als auch eine zeitliche Dimension besitzt. Sie bildet die Tiefenstruktur der Kultur, indem sie ihre Mitglieder miteinander verbindet und ihnen einen gemeinsam bewohnten Raum bereitstellt, der von bestimmten Sinnsymbolen getragen wird. In der Welt der kulturellen Sinnsymbole kommt der Vergangenheit eine eminent wichtige Funktion zu. Es handelt sich nicht in erster Linie um vergangene Fakten, vielmehr um das mentalhistorische Gedächtnis der symbolischen Bedeutungen, die die kulturelle Identität der Gemeinschaft konstituieren, ganz unabhängig davon, ob diese Bedeutungen in der konkreten Geschichte oder „nur“ in der mentalen Geschichte der Gemeinschaft verankert sind. In der Mentalgeschichte der Menschheit spielen die Religionen in der Hinsicht eine zentrale Rolle, als sie die für die Tiefenstruktur einer Kultur charakteristischen formativen und normativen Grundüberzeugungen und Handlungsprinzipien, ohne die keine Kultur auf die Dauer bestehen kann, bewahren und von einer Generation zur anderen vermitteln. Assmann zufolge lassen sich die Religionen in zwei Grundtypen einteilen, in Ritual- und in Buchreligionen, wobei das wichtigste Unterscheidungsmerkmal darin besteht, in welcher Form sie versuchen, die religiöse Tiefenstruktur zu bewahren und lebendig zu halten. In zahlreichen aus der Geschichte bekannten Ritualreligionen wird die formative und normative Vergangenheit in Gestalt von wiederholten Mythen und Riten vergegenwärtigt. Zu dieser Gruppe zählt Assmann die ägyptische Religion der Spätzeit, die in der griechisch-römischen Zeit in Tempeln eingeschlossen ein versteinertes Leben mit eigengesetzlichen Ritualien führte und dabei allmählich ihre Vitalität einbüßte. Die große Errungenschaft der Ägypter war nach Assmann die Errichtung eines Staates, während die große Errungenschaft der Israeliten die Erfindung der Religion war. Was Israel angeht, wird die etwas kategorische Behauptung Assmanns mit dem Hinweis auf den Sachverhalt begründet, dass in Israel im 7. und 6. Jahrhundert v. Chr. eine Gestalt von Religion entstand, die in ungewöhnlich hohem Maße dem „kulturellen Gedächtnis“ verpflichtet war. Sie war an keinen Ort und keine Zeit gebunden, sondern ihr Wesen lag in einem „portativen Vaterland“ (Heinrich Heine), einem Torabuch, dessen Zentrum das 5. fünfte Buch Mose, das Deuteronomium, bildete. Der Schatten der SchreiberDie mentalhistorische Bedeutung des Deuteronomiums liegt darin, dass in seiner religiösen Idealwelt an die Stelle von Tempel und Kult schriftlicher Text getreten ist, der andauerndes Lernen, Lehren und Deuten fordert. Hier werden die Grundlagen für eine Buchreligion gelegt, die im Judentum weiterlebt und deren Erben auch das Christentum und der Islam sind. Das Deuteronomium möchte nach seinem Selbstverständnis vor allem ein Buch im qualifizierten Sinne des Wortes sein. Alle seine Hauptakteure erscheinen in der Rolle des Schreibers. Gott selbst tritt als „himmlischer Schreiber“ auf, der den Dekalog zweimal auf steinerne Tafeln schreibt (5,22 und 10,4) und den Befehl gibt, die beschrifteten Tafeln in einer eigens dafür angefertigten hölzernen Lade zu deponieren (10,1-2), was den ägyptischen und mesopotamischen Gewohnheiten bei Aufbewahrung von wichtigen Schriftdokumenten entspricht. Die Israeliten hingegen erscheinen als Nachahmer des „himmlischen Schreibers“, indem sie den Auftrag erhalten, die verkündeten Worte des Gesetzes an ihrem Körper zu tragen und auf die Haus- und Stadteingänge zu schreiben (6:6-9). Der Text soll in ihrem Leben ständig gegenwärtig sein. Der König soll sich gleich nach seiner Thronbesteigung eine Abschrift der Tora herstellen lassen und darin Tag für Tag lesen, um als „Musterisraelit“ nach den Vorschriften der Tora leben zu können (17,19). Der menschliche Schreiber par excellence ist natürlich Mose, der wie Gott das Gesetz zuerst mündlich proklamiert und dann niederschreibt (31,9). Nachdem er das Gesetz vollständig in ein Buch geschrieben hatte, übergab er es den Leviten und gebot ihnen, es neben die Bundeslade zu legen (31,24-26). Mose selbst wurde der Eintritt in das verheißene Land verweigert, aber mit der Bundeslade überschritt auch er in Gestalt der schriftlichen Toraworte den Jordan, um als „portatives Vaterland“ unter den Israeliten und dank des Deuteronomiums auch unter allen späteren Lesern gegenwärtig zu sein. Mit Recht hat man gefolgert, dass hinter dem Deuteronomium als Werk der Schreiber der „Schatten der Schreiber“ zu erkennen ist. In den Kulturen des alten Ägyptens und Nahen Ostens war die Auffassung verbreitet, der zufolge die professionellen Schreiber nach ihrem Tod in den von ihnen verfassten Schriften weiterlebten, die gleichsam ihre Kinder waren. Das Deuteronomium öffnet damit einen Blick in die Welt der altisraelitischen Schreiber. Es handelt sich um dieselbe Gruppe, die im Buch Jeremia deshalb gerügt wird, dass sie angeblich mit ihrem „Lügengriffel“ das Gesetz des Herrn zur Lüge gemacht habe (Jer 8:8–9). Hinter dem Vorwurf steht die richtige Beobachtung, dass das Deuteronomium eine radikale Neuauslegung der älteren Gesetzgebung Israels bietet, was offenbar nicht von allen mit Wohlwollen anfgenommen wurde. Ein wesentliches Merkmal einer lebendigen Buchreligion besteht jedoch darin, dass ihre heiligen Texte im Laufe der Zeit immer neu und sogar radikal neu auslegt werden. Auch dafür steht das Deuteronomium als paradigmatisches Modell. Mose tritt im Deuteronomium nicht allein als Schreiber, sondern auch als Ausleger des Gesetzes auf. Es wird gesagt, dass Mose im Lande Moab „begann, dieses Gesetz zu erklären“ (1,5). Die Aussage ist etwas überraschend angesichts der Tatsache, dass Mose nach dem Deuteronomium seine Tätigkeit im Lande Moab beendete und dort auch starb (34). Verständlich wird sie jedoch vor dem Hintergrund der prophetischen Verheißung, nach der Gott je und je aus dem Volk einen Mose ähnlichen Propheten erheben wird, der die von Mose begonnene Auslegungs- und Lehrtätigkeit mit göttlicher Vollmacht fortsetzen wird (18,15-22). Hier wird das Fundament für das Lehramt der späteren Schriftgelehrten und Pharisäer gelegt, die der Meinung waren, dass sie auf dem „Lehrstuhl des Mose“ saßen (Matt 23,2). Die Schriftgelehrten sind die echten Nachfolger der Schreiber. Im Hebräischen werden sie mit ein und demselben Wort sofer bezeichnet. Es ist kein Zufall, dass gerade im Deuteronomium häufiger als sonst in den Büchern Mose von Lehre und Lernen die Rede ist. Gott selbst wird als Pädagoge vorgestellt, der sein Volk erzieht wie ein Mann seinen Sohn (8,5). Als wichtigster menschlicher Lehrer tritt wieder Mose auf, der das Volk die den Dekalog ergänzenden Satzungen und Rechte lehrt (5,31) und damit ihm das Vorbild für den Unterricht der Kinder abgibt (11,19). Die Lehre wurde sowohl in großen Volksversammlungen (31,9-13) wie auch als Privatunterricht des Vaters bzw. Lehrers nach einem dialogischen Muster verteilt: „Wenn dein Sohn dich künftig fragt: ‚Was bedeuten die Bundesbestimmungen, Satzungen und Rechte, die Jahwe, unser Gott, euch geboten hat?’, dann sollst du deinem Sohn antworten: ‚Wir waren Sklaven des Pharao in Ägypten, aber Jahwe führte uns mit starker Hand aus Ägypten heraus …’“ (6,20-21). Diese Stelle, die noch heute bei jedem jüdischen Pesach-Mahl (Ostermahl) zitiert wird, gibt nicht nur über das dialogische Unterrichtsmodell, sondern auch über das kulturelle Gedächtnis Aufschluss. Sie illustriert nämlich auf der einen Seite die mentalhistorische Kluft zwischen den Generationen, auf der anderen Seite aber auch die intensive Bemühung der Schreiber, die entstandene Distanz mittels eines gedächtnishistorischen Diskurses zu überwinden. Aus diesem Text, dem leicht viele ähnliche an die Seite gestellt werden könnten, geht deutlich hervor, dass die Religion im Deuteronomium etwas geworden ist, was gelernt und gelehrt werden kann. Damit ist der Boden für die jüdische Kultur des Lesens und Lernens gelegt worden, in der das lebenslange Studium der heiligen Schriften immer hohes Ansehen genossen hat und in der die Wertschätzung der literarischen Kultur selbst innerhalb der säkularen Wissenschaft und Kunst ihre Spuren hinterlassen hat. Somit lässt sich sagen, dass die hinter dem Deuteronomium stehenden gelehrten Schreiber maßgeblich zur Entstehung des kulturellen Gedächtnisses der jüdisch-christlichen Religion und Kultur beigetragen haben. Weitere Informationen zum Thema finden sich in dem neulich erschienenen Kommentar des Verfassers zum Deuteronomium: Das 5. Buch Mose / Deuteronomium. Kapitel 1,1–16,17. Das Alte Testament Deutsch 8,1. Göttingen 2004. |
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