![]() Previous page ![]() Yrjö Engeström spricht seinen Graduiertenstudenten ein aufrichtiges Lob aus. Die jungen Forscher haben echte Begeisterung mit eingebracht, und in der Einheit zeigt man auch keine Scheu vor theoretischen Auseinandersetzungen. |
Wenn der Wandel zur Bedrohung wirdArja TuusvuoriDas moderne Arbeitsleben ist immer schwieriger in den Griff zu bekommen. Der Einzelne hat Angst um seinen Arbeitsplatz, die Manager bangen um das Ergebnis und die ganze Organisation um ihre Zukunft. Die Forschung kann den vom Wandel verursachten Druck mildern, meint Yrjö Engeström, Professor an der Akademie Finnlands."Unsere Einheit hebt sich von dem universitären Schema ab, denn wir betreiben viel Feldforschung, gehen unter die Menschen", beschreibt Engeström die Eigenart seines Fachs: Tätigkeitstheorie und entwickelnde Arbeitsforschung. "Wir kombinieren in unserer Methodologie Theorie und Praxis. Wir koordinieren den Wandel der Arbeit und der Organisationen unter Nutzung multidisziplinärer Forschung. Unter unseren Graduiertenstudenten befinden sich Soziologen, Ärzte und natürlich auch Erziehungswissenschaftler", erklärt Engestrsm. Kooperation betreibt die Einheit unter anderem mit Banken, Gesundheitszentren und der Raumpflegebranche. Das Ziel ist, die Arbeitsprozesse zu entwickeln und gemeinsam mit den Mitarbeitern des jeweiligen Unternehmens auf das Arbeitsklima einzuwirken. Bei der zusammen mit den Raumpflegerinnen durchgeführten Forschungsarbeit wurde reichlich Videotechnik eingesetzt. So konnten die Raumpflegerinnen ihre Arbeitsweisen betrachten und selbst Lösungen auf Probleme finden. Der Prozess des Wandels geht dann vom Arbeitnehmer selbst aus und nicht von Richtlinien, die von oben vorgegeben werden. "Die Veränderungen im Arbeitsleben sind schwer zu beherrschen, und eine gewisse Unsicherheit prägt den Alltag der Organisationen. Viele Arbeitgeber und Gewerkschaften sind unvoreingenommen daran gegangen, zusammen mit unserer Einheit neue Verfahrensweisen zu suchen. Man darf wohl annehmen, dass in Zukunft zunehmend auch Institute der Universität mit uns kooperieren werden, denn die Universität macht dieselben Symptome des Wandlungsprozesses durch wie das übrige Arbeitsleben auch", konstatiert Engeström. Rezept zur StressbewältigungZu den zur Zeit betriebenen Projekten der Tätigkeitstheorie und entwickelnden Arbeitsforschung gehört unter anderem die von Yrjö Engeström selbst geleitete Analyse der Beherrschung des Wandels in lernenden Team und Netzwerk-Organisationen. Der Forschungsansatz ist kulturkomparativ; betrachtet wird zum Beispiel der Wandel, der sich an finnischen und amerikanischen Schulen vollzieht."Wir wollen mit sechs Doktoranden klären, was wirklich hinter dem Modebegriff der "lernenden Organisation" steckt. Es reicht nicht, von einer postbürokratischen oder postford'schen Gesellschaft zu sprechen. In gleicher Weise vereinfachend ist die Behauptung, der zufolge die Mechanismen des Marktes heutzutage alles regulieren würden. Wir analysieren den Wandel historisch, dringen unter die Oberfläche", präzisiert Engeström Das von Professor Reijo Miettinen geleitete Projekt Organisierung von Innovationen und Forschungsarbeit hat zum Beispiel den Siegeszug der finnischen Margarinemarke Benecol untersucht. Die Analyse der Innovationsnetze zeigt, woran ein Teil der Erfindungen scheitert. Häufig ist dafür kein einzelner Faktor auszumachen - zum Beispiel mangelndes Talent oder falsche Vermarktung -, sondern das Zusammenspiel der verschiedenen Beteiligten hinkt. Die Mitglieder des Projekts sind bestrebt, bei der Entwicklung von Innovationen den Gesichtswinkel des Benutzers stärker zur Geltung zu bringen. Das von Dr. rer. comm. Kirsti Laura geleitete Forschungsprojekt behandelt ein höchst aktuelles Thema. Das Phänomen des Burn-outs von Mitarbeitern wird allzu oft als individuelles Problem gesehen, aber es handelt sich um eine die ganze Arbeitsgemeinschaft betreffende Ursache-Folge-Kette. Das Projekt namens Arbeitsgemeinschaften und Stressbewältigung im Umbruch zwischen Alt und Neu analysiert Organisationen und deren Mitarbeiter während der Phase des Wandels. Ein Beispiel ist der Banksektor, der in den vergangenen Jahren tiefgreifende Veränderungen durchgemacht hat. Die Stressbewältigung und das Wohlergehen der Mitarbeiter sind Themen, die leider nur zu oft von den Fragen des Konkurrenzkampfes an den Rand gedrängt worden sind. Neue Sicht der ProblemeAls jüngstes Projekt hat die Einheit die Erforschung komplexer Lernumgebungen und die Entwicklung eines neuartigen Expertentums in der beruflichen Bildung in Angriff genommen. Die Forschungsgruppe unter der Leitung der Professorin Terttu Tuomi-Gröhn hat sich zum Ziel gesetzt, für die Ausbildung an den Handelslehranstalten und die Ausbildung von Pflegekräften neue experimentelle Formen zu entwickeln. Das traditionelle Arbeitspraktikum kann durch die Beteiligung an dem Entwicklungsprojekt kompensiert werden. Der Studierende kann dann als "Veränderungsagent" in der Arbeitsorganisation fungieren."Der Nutzen ist beiderseitig: Die Arbeitsgemeinschaft gewinnt einen neuartigen Blickwinkel auf ihre alltSglichen Routinen, und der Studierende lernt es, seine Arbeit als sich wandelndes Objekt zu sehen, auf das er durch seine Tätigkeit Einfluss nehmen kann. Interaktion und Partnerbeziehungen ersetzen das traditionelle Praktikum, das häufig für die Arbeitgeber wie für die Studierenden eher ein unvermeidliches Åbel war", meint Engeström. Die Interventionsmethoden, besonders das in der Einheit entwickelte Veränderungslaboratorium, bieten eine wissenschaftliche Herausforderung für die Unternehmensberater, deren Verantwortung für die Ergebnisse ihrer Arbeit häufig recht gering gewesen ist. Eine vom Dozenten Jaakko Virkkunen geleitete Forschungsgruppe, die vom Arbeitsministerium mit finanziert wird, hat das Veränderungslaboratorium bereits in zwölf Organisationen verwirklicht. Die Analyse und Kontrolle der Veränderungsarbeit wird zusammen mit der ooperierenden Organisation systematisch durchgegangen, und Yber die Resultate wird offen diskutiert. So ist zum Beispiel im Anschluss an das Veränderungslaboratorium in einem Kinderkrankenhaus ein Grenzüberschreitungs-Laboratorium gegründet worden, in dem das Zusammenspiel verschiedener Krankenpflege-Organisationen ersrtert wurde. Aus der Entwicklung von neuen Methoden entspinnt sich eine kritische Debatte Yber die Ziele. Auf diese Weise wird ein expansiver Lernprozess in Gang gesetzt. In einem Krankenhaus zum Beispiel bedeutet dies, dass man im Netz der verschiedenen Krankenpflege-Organisationen Verantwortung übernimmt für die gesamte Behandlung des Patienten und nicht nur für die Entscheidungen, die man in der eigenen Sprechstunde trifft. Internationalität als Garant der QualitätYrjö Engeström spricht seinen Graduiertenstudenten ein aufrichtiges Lob aus. Die jungen Forscher haben echte Begeisterung mit eingebracht, und in der Einheit zeigt man auch keine Scheu vor theoretischen Auseinandersetzungen. Redefreiheit und Mut, seine Meinung zu äussern, gehsren zu den Grundprämissen der Tätigkeitstheorie, muss man ja dazu fähig sein, den Kooperationsorganisationen den Bedarf an Veränderung und die einschlägigen Massnahmen zu erklären. Engeström, der sein wissenschaftliches Schaffen bereits mit 21 Jahren begonnen hat, ist nur besorgt darüber, wie seine Doktoranden finanziell zurechtkommen."Private Stiftungen sind unseren Studenten gegenüber nicht gerade aufgeschlossen, da ihnen das Unterrichtsministerium die Basisfinanzierung garantiert. Zu unseren Anforderungen gehsrt im Prinzip ein Semester, das im Ausland zu verbringen ist, aber aus Kostengründen ist dies manchmal nicht zu verwirklichen. Wenn man einmal Forscherschulen aufbaut, dann sollte man das auch ordentlich tun", kritisiert Professor Engeström. Engeström lebt seinen Lehren gemäss: Er hat eine ordentliche Professur in San Diego, an der Universität von Kalifornien. In Finnland fungiert er als Professor der Akademie. Ideen und Impulse wandern regelmässig hin und her. An der Forscherschule in Helsinki wurde zeitgleich mit San Diego derselbe Kurs abgehalten, und mit den amerikanischen Studenten bestanden E-Mail-Kontakte, bei denen die aktuellen Themen diskutiert wurden. Engeström meint, dass man dieses Verfahren in Finnland in breiterem Umfang nutzen sollte. "Finnland ist ein kleines Land, und hier bekommt man über seine Arbeit nicht unbedingt das Feedback, das man benstigt. Für die Doktoranden ist es unerlässlich, die Qualität ihrer Arbeit in einer internationalen Arena zu testen. Ich lasse meine Studenten nicht zur Disputation zu, bevor sie nicht mindestens auf zwei internationalen Konferenzen aufgetreten sind", erläutert Engeström. In der letzten Zeit hat sich der Professor erneut für die Veränderungen an den Schulen interessiert. Seinerzeit war er zur Erforschung von Organisationen des Arbeitslebens übergegangen, weil er die konservative Atmosphäre an den Schulen satt hatte. Falls es im Lehrerzimmer auch nur einen enthusiastischen, reformfreudigen Lehrer gab, wurde ihm alle mit experimentellen Methoden zusammenhängende Arbeit aufgehalst, und die anderen erstarrten in passivem Widerstand. "Wenn man die Erziehungswissenschaft in breitem Sinne als Fach begreift, das den Wandel und die Beherrschung des Wandels untersucht, dann bin ich ein Erziehungswissenschaftler. Wenn man sie dagegen auf das Klassenzimmer begrenzen will, tut es mir leid um sie", wirft Engestrsm ein. In San Diego betreut er eine multidisziplinSre Professur für Kommunikation mit Schwerpunkt auf dem Wandel von Organisationen und Aktionssystemen. "Eine strenge Hütung des eigenen Reviers richtet sich gegen die Wissenschaft selbst. An der Universität werden immer noch zu viele Grenzzäune aufgestellt. Funktionsfähige Zusammenarbeit müsste es in Zukunft viel mehr geben, denn eine gesellschaftlich relevante Forschung verlangt stets Grenzüberschreitungen", fasst Engeström zusammen. |