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    Der Zauberspiegel des Maurits Cornelis Escher
    Wer war dieser Mensch, Maurits Cornelis Escher? Einige Lebensdaten

    Peter Starmans

 

M.C.Escher
1898 - 1972 ein Meister des visuellen Widerspruchs

"Aber dann kam der Augenblick, als sich meine Augen sozusagen öffneten." (M.C.Escher)

"Zeichnen ist täuschen" (Bruno Ernst)

"Gefühl und Analyse, so kommt es mir jedenfalls vor, brauchen einander nicht in die Quere zu kommen, sondern sollten sich ergänzen." (M.C.Escher)

"Ein Künstler der nicht einzuordnen ist" (Bruno Ernst)

Am 17. Juni 1898 wurde Maurits im niederländischen Friesland, in Leeuwarden, geboren. Schon bald zog die Familie Escher nach Arnheim um. 1919-22 erhielt er in Haarlem eine graphische Ausbildung. Samuel Jesserun de Mesquita wurde sein wichtigster Lehrer, die eigentliche Bezugsperson neben seinem Vater für den jungen suchenden Künstler und auch später, bis zu dessen Tode, einer seiner besten Kollegen und Freunde. Er war ein Jude portugiesischer Herkunft und ein grosser Kenner verschiedener graphischer Techniken und deren Möglichkeiten. 1921-23 unternimmt Maurits Rundreisen durch Frankreich, Italien und Spanien. Besonders die Landschaft Italiens hat ihn tiefgehend beeinflusst. In Granada, Spanien, macht er dann 1922 eine erste ernsthafte Bekanntschaft mit den berühmten Flächenmosaiken in der Alhambra. 1924-35 wohnt er mit seiner Frau Jetta Umiker - der künstlerisch hochbegabten, aber leider oft stark depressiven Tochter eines Schweizer Fabrikanten - und ihren drei Söhnen in Rom. Nahezu jedes Jahr, meist im Frühjahr, unternimmt Escher Wanderfahrten durch öfters unwirtliche italienische Gebiete wie die Abruzzen oder Campanien und zeichnet. Diese Zeichnungen werden dann graphisch umgearbeitet und machen ihn in der Heimat und in Italien bekannt. 1935 zieht die Familie aus politischen Gründen um in die Schweiz. 1936 studiert Escher zum zweiten Male ausführlich die maurischen Mosaiken der Alhambra in Granada und die in La Mezquita in Cordoba. "Wieder gewann er den Eindruck, dass in der rhythmischen Aufteilung einer Fläche reiche Möglichkeiten liegen." (B.Ernst) Ab 1937 wohnt die Familie Escher zuerst im belgischen Brüssel und ab 1941 im niederländischen Baarn. Eschers Freund Jesserun de Mesquita teilt das Schicksal vieler niederländischer Juden, er wird mit Frau und Sohn Anfang 1944 deportiert und in einem KZ-Lager ermordet. Dieses Ereignis erschüttert Escher tief und regt ihn dann an, mehr und mehr als Künstler Gerechtigkeit und Ehrlichkeit zu vertreten. Eine seiner ersten Aktivitäten nach dem Krieg ist die Organisierung einer Gedenkausstellung zu Ehren des grossen Jesserun de Mesquita, dessen Nachlassenschaft er sofort nach der Deportation für die Nachwelt gerettet und aufbewahrt hat. Ab 1954 wird Escher auch international immer bekannter, vor allem in den USA, in Grossbritannien und Kanada. Mathematiker, Kristallographen und Evolutionswissenschaftler zeigen grosses Interesse am Werk Eschers. Am 27. März 1972 stirbt Maurits Cornelis Escher in Hilversum.

 

Tag und Nacht

Anfang Februar 1995 organisierte ich im Goethe- Institut eine kleine Ausstellung mit 18 Bildern von M.C. Escher. Diese Ausstellung war ein Erfolg. Jetzt im Herbst 1998 war eine ähnliche Ausstellung wieder für ein paar Wochen in Porthania, und wiederum gab es viele Interessenten, die sich die Bilder angesehen und sich gewundert haben, wie ein Mensch so träumen kann. Die Bilder reizen, die Bilder fesseln, die Bilder stimmen nachdenklich.

 

Die Brücke

Das Beispiel 'Die Brücke' aus seiner italienischen Zeit zeigt uns, wie wichtig für Escher die Struktur der natürlichen und städtischen Landschaft und deren Linien waren. Gerade und gebogene Linien in ihrem Bezug aufeinander, darum geht es ihm. Eschers Liebe für Italien hängt vermutlich auch damit zusammen, dass die Sonne dort die Umrisse der Gegenstände verschärft und so die Form klarer hervorhebt. Und gerade das suchte er: Schärfe und Form, scharf umrissene Gegenstände. Diese Möglichkeiten hatte der Künstler in den oft vernebelten und verregneten Niederlanden selbst-verständlich wesentlich weniger. Alles in diesem Bild lebt in Harmonie miteinander, bleibt aber doch voneinander getrennt.

Übrigens, eine ähnliche 'Flucht' in den Süden, zur Sonne haben wir in der niederländischen Kunst schon erlebt bei Vincent van Gogh in den achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts. Es gibt aber zwischen diesen beiden Künstlern einen grossen Unterschied: Van Gogh zeigt uns die Sonne selber und ihre Wirkung auf die Landschaft, Escher zeigt uns nur die Wirkung der Sonne auf die Landschaft, die Sonne selber aber nicht. Van Gogh zeigt uns seine Sonnengefühle aus der Landschaft heraus, Escher zeigt uns 'nur' seine Eindrücke der sonnübergossenen Landschaft, gefühlvoll und sonnig, aber nicht so expressiv.

 

Scholastica

In dem zweiten, holländischen Bild aus Oudewater ist das Thema der Spiegelung - so wesentlich für die Kunst Eschers - schon deutlich da. Die Wasseroberfläche spiegelt die Brücke und zeigt sich als Fläche, aus der mehrere Realitäten aufsteigen. Spiegelung war für Escher oft Verdoppelung und Umkehrung der Wirklichkeit, und in anderen Bildern sogar eine Möglichkeit, dem gespiegelten Leben ein neues, eigenes Leben zu geben, nur möglich in der Welt des Künstlers. "Zeichnen ist täuschen", hat Bruno Ernst doch gesagt. Die Fläche Spiegel hat also für Escher drei Realitäten, die man zeichnerisch ineinander fliessen lassen kann: die Realität vor oder über dem Spiegel, die Realität in dem Spiegel - die eigentliche Spiegelung also - und die Realität hinter dem Spiegel, mit der der Künstler seine eigenen Vorstellungen und Träume verwirklichen kann.

Ich zeige hier einen Teil aus der 'Metamorphose II, 1940', und zwar zwei bezeichnende Abschnitte aus der Mitte des Holzschnittes. Dieses Bild hat auf den Hauptdirektor der niederländischen Post einen so tiefen Eindruck gemacht, dass er es für sein Arbeitszimmer hat kaufen lassen und dass er 1969 eine auf 42 m (!) verlängerte Version als Wanddekoration einer grossen Postfiliale im Haag hat anfertigen lassen. Das zeigt uns doch, wie populär der Künstler damals schon war, und auch, wie seine Kunst anregend wirkte auf viele, denn die Absicht der Dekoration war doch wohl," die unruhigen Gemüter aller vor den Schaltern Wartenden zu beruhigen." (Bruno Ernst)

 

Metamorphose II

Metamorphose heisst Veränderung, Verwandlung, das Eine wird das Andere, wird etwas Anderes, zuerst ein wenig neu und nicht mehr so abstrakt, dann aber auf einmal etwas ganz Neues. Vierecke beginnen sich unter dem Zeichenstift des Meisters zu verändern, verwandeln sich in lebhafte Reptilien, die dann verblassen und wieder zurückkehren in eine abstraktere Form, die Form des Sechseckes, die Grundform einer Bienenzelle des gerundeten Bienenkorbs, aus der dann logischerweise die Honigbienen entstehen, die sich dann weiterentwickeln zu Vögeln usw. Diese Metamorphose ist ein gutes Beispiel der wundervollen Welt M.C. Eschers. Das ist reine Täuschung, das ist nur möglich, weil der Künstler das will, und doch: verrückt ist es keineswegs, logisch ist es in hohem Masse und - wenn unter den Händen des Graphikers realisiert - durch den Zuschauer auch noch relativ leicht nachzuvollziehen.

 

Befreiung

Als zweites Beispiel dieser evolutiven Welt Eschers habe ich den Holzschnitt 'Befreiung' gewählt. Eine Papierrolle rollt sich in die zweidimensionale Papierfläche hinein und rollt dort weiter, so dass die Zeichenfläche nach links und rechts abgegrenzt wird. Auf der Rollenfläche erscheinen Dreiecke, zuerst vage und unklar, dann immer klarer und deutlicher durch schwarze oder weisse Farbe gegeneinander abgesetzt, aber durch gemeinsame Kanten miteinander verbunden. Die Kanten der Dreiecke beginnen zu 'leben', die Abstraktion wird aufgegeben, die Dreiecke ändern sich in komplexe Umrisse, während zugleich der Lichtkontrast zwischen ihnen intensiviert wird. Die Umrisse werden deutlicher und deutlicher Vogelkörper, noch aneinander gefesselt, nur durch 'Farbe' voneinander getrennt. Inder Mitte des Bildes haben sie sich zu weissen und schwarzen Vögeln verselbständigt. Von dort weiter nach oben befreien sie sich voneinander und fliegen als selbständige Wesen in die Welt hinein. Doch sie fliegen nur zweidimensional nach oben, die dritte Dimension nach vorne oder hinten ist noch nicht mit in die Illusion hineingenommen. Auch diese Möglichkeit hat Escher in anderen Bildern gezeigt, und auch die sind hochinteressant, vielleicht wäre das etwas für später? Weil die Vögel frei und auch formal voneinander getrennt wegfliegen können, nach links oder nach rechts, sind die Grenzen der Papierrolle überflüssig, sogar störend geworden, so dass die Grenzen verdunsten und den Vögeln die Freiheit gestatten. Deshalb verschwindet die Papierrolle, auf der die Vögel gezeichnet waren.

Vielleicht ist es gut hervorzuheben, dass Escher die biologische Evolution nicht illustrieren will. Seine Evolution ist eine bildhafte und gedankliche, Escher ist ein Philosoph, der versucht, mit Hilfe von Bildern klar zu machen, welche Relationen er in dieser Welt sieht und wie er versucht, das Gedankliche in ansprechenden und verdeutlichenden Bildern umzusetzen. Teilweise ist ihm das gelungen, scheint mir.

 

Ringschlangen

Im Jahre 1969 war Maurits Escher schon schwerkrank und teilweise unfähig zu arbeiten. Über sein letztes Bild 'Ringschlangen' schreibt er oft und ausführlich. "Ein Kettenpanzer mit kleinen Ringen am Rand und auch in der Mitte eines Kreises und dazwischen grosse Ringe. Durch die grössten Lücken sollten sich Schlangen winden."(Escher) Das ganze Bild ist überraschenderweise ganz neu aufgefasst, die Schlangen waren vorher nie da. Die Verwandlung von klein über gross nach klein und kleiner bis zu einem Loch in der Mitte ist schon immer teilweise ab 1958 in seiner Phantasie dagewesen, aber nie so harmonisch und doch gebrochen durch die Schlangen. Die Schlange des Paradieses und der westlichen Theologie, die Schlangen der indischen Philosophie ...? Das Unendliche und ihre Geheimnisse wurden ab 1958 immer wieder untersucht und verbildlicht, Kreislimits entstehen, Quadratlimits und auch andere Limit-Bilder. Inwieweit kann der Mensch das Unendliche begreifen? Gross wird klein und kleiner, bis es kaum noch als Bild funktionieren, da sein kann und ins leere Loch fällt. In seinen früheren Bildern war Escher bis ins Letztmögliche genau, im letzten Bild eigentlich nicht mehr ohne weiteres, obwohl das Ganze in vielen Vorzeichnungen detailliert vorbereitet und durchdacht war. Es war, als ob Escher vor seinem Tode sich von allzu grosser Genauigkeit befreien will, das Unendliche ist bald da und ist nicht zu ergründen. Die Grenze ins Ewige ist künstlerisch nicht zu überwinden, sie kommt und wird aus dem Leben in den Tod überschritten. Diese letzte Grenze wird von Maurits Escher endlich anerkannt, er hat gestritten und ist bereit zu sterben. Zum letzten Bild schreibt M.C. Escher seinem Sohn am 13.7.1969: "Ich stelle mir nicht vor, dass es ein 'Meisterwerk' werden wird (obwohl wir bei jedem Werk eigentlich aufs neue so tun müssen, als ob wir das glauben). (...) Ich mache diese Arbeit schon mehr als fünfzig Jahre, und ich kenne auf dieser merkwürdigen und angsterregenden Welt eigentlich nichts Angenehmeres. Was wünscht sich ein Mensch noch mehr?" Ein Leitsatz von Maurits Cornelis Escher war: "Ich habe immer gewusst, dass Schweigen Gold und Reden Silber ist, und ich rede doch immer mehr". Ja ja, beredt war er, und viele seiner Bilder sind noch immer vielsagend und höchst anregend, zum Leben motivierend.

Drs.lic. Peter Starmans ist Lektor für niederländische Sprache und Literatur.