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    ...wovon sich hier keiner fernhalten kann. Zum Totentanz in Lübeck, Tallinn und Inkoo

    Cora Dietl

 

”Och redelike creatuer, sy arm ofte ryke,
Seet hyr dat spectel, junck unde olden,
Unde dencket hyr aen ok elkerlike,
Dat sik hyr nemant kan ontholden,
Wanneer de doet kumpt, als gy hyr seen.”

(Vernünftige Geschöpfe Gottes, ob arm oder reich, betrachtet hier dieses spectaculum, jung und alt, und denkt daran, jeder von Euch, dass sich hiervon keiner fernhalten kann, wenn der Tod kommt, wie Ihr hier seht.)

Diese Worte sind keineswegs, wie man annehmen könnte, der Prolog zu einem Kriminal-Schauspiel, sondern zu einem Bilderzyklus mit Unterschriften, einem spätmittelalterlichen "Horror-Comic", wenn man so will: dem Lübecker Totentanz von 1463.

Der Totentanz ist eine Literaturgattung, die sich um 1400 in Frankreich entwickelte, v.a. aber in Deutschland Verbreitung fand. - Ein ausserordentliches Zeugnis einer Rezeption im Norden stellt der Totentanz in Inkoo dar; es ist die einzige derartige Darstellung in Finnland. - Der Totentanz steht im Zusammenhang der grossen Pestepidemien des Spätmittelalters. Als sie über Europa fegten und den Tod auch im alltäglichen Leben nur allzu deutlich sichtbar werden liessen, wurden die Mahnungen, sich auf einen plötzlichen Tod und das göttliche Gericht vorzubereiten, immer dringlicher.

 

Lübecker Totentanz

Der Tod im Danse macabre oder im deutschen Totentanz führt einen Reigen von Vertretern aller Stände an, beginnend bei Papst und Kaiser oder König, dann langsam die Stufen der Gesellschaft herabsteigend, und in der Regel abgeschlossen von einem Kind. An jeder zweiten Stelle im Reigen steht wieder der Tod, der die Menschen an der Hand führt oder zumindest in die Tanzrichtung weist. - Der Reigen gilt in der mittelalterlichen Dichtung als ein Zeichen einer Lebensfreude, die deutlich ins Erotische geht, weshalb die Kirche den Tanz als Paradigma der Sündhaftigkeit ver-urteilte. Damit ist also die im Totentanz ausgedrückte Warnung vor dem Tod zugleich eine Warnung vor der sündhaften, falschen Lebensfreude.

Der Lübecker Totentanz von 1463 entstand vermutlich angesichts einer Pestwelle, die sich vom Mittelrhein nach Nordosten verbreitete und schliesslich 1464 Lübeck erreichte. Das Gemälde in der Lübecker Marienkirche wurde bis ins 18. Jh. immer wieder erneuert; 1942 wurde es im Krieg zerstört. Es war die im Norden wohl einflussreichste Darstellung des Themas. Der Text wurde mehrfach verändert und, illustriert mit Holzschnitten, 1489, 1496 und 1520 gedruckt. Der Totentanz in der Antoniuskapelle von St. Nikolai in Tallinn - der älteste in Text und Bild erhaltene deutschsprachige Totentanz - weist eine auffällige Verwandtschaft mit dem Lübecker Totentanz auf, und daher hat man vermutet, bei einer Renovierung in Lübeck 1588/89 seien Teile des Totentanz-Gemäldes nach Tallinn (Reval) verkauft worden - eine These allerdings, die sehr umstritten ist - ebenso wie die, dass der Lübecker und der Revaler Totentanz vom selben Künstler stammen.

Der Lübecker Totentanz beginnt wie zahlreiche Totentänze mit einem Prediger auf der Kanzel. Auf ihn bewegt sich der traditionell nach links (also zum Bösen hin) drehende Reigen zu. Der Tod, der den Reigen eröffnet, wiederholt die mahnenden Worte des Predigers und lässt sich dann mit jedem auf einen Dialog ein, in dem neben standesübergreifenden Ängsten und der Einsicht, dass alles Wehklagen gegen den Tod nicht hilft, auch standesspezifische Einsichten und Klagen stehen: Die höheren Stände trennen sich - alle gleich - nur schwer von ihrer Macht; die niedereren Stände dagegen beichten nun direkt ihre Vergehen, wie sie für den jeweiligen Berufsstand typisch sind. Besonders konkret werden die Beschreibungen bei den gehobenen städtischen Berufsgruppen - Bürgermeiser und Kaufleute -, zu denen die Auftraggeber des Totentanzes

gehörten: Der Lübecker Totentanz wurde nicht im Auftrag der Kirche, sondern im Auftrag der Patrizier angefertigt. Er ist ein ausgesprochen grossbürgerlicher Totentanz. Positiv wird stets der grosse Fleiss dieser Berufsstände gewertet, während der Adel, der Klerus und die dem Stadtrat nicht angehörigen Berufsgruppen (wie Ärzte, Geldleiher, Handwerker) sehr kritisch gewertet werden.

Dass gerade ein solcher Totentanz in der Hanse-Hauptstadt erfolgreich sein musste, ist verständlich. Der Berliner Totentanz ist von ihm beeinflusst, die Hansestadt Reval übernahm oder kopierte ihn, und auch der älteste dänische Totentanz, zwischen 1536 und 1550 in Kopenhagen angefertigt, ist dem Traditionsstrang des Lübecker Totentanzes zuzuordnen. Der Kopenhagener Totentanz ist der älteste mit Text überlieferte skandinavische Totentanz, doch lange vor ihm entstand das Totentanzgemälde in Inkoo.

 

Die Fresken in Inkoo

Die Datierung der Fresken in Inkoo wie der dritten Bauphase der Kirche insgesamt ist sehr umstritten. Am wahrscheinlichsten ist aber, dass die Fresken im Zuge des Wiederaufbaus der Kirche nach der Plünderung und Verwüstung durch die Dänen 1509 angebracht wurden. An der Nordseite des Schiffs findet sich ein durch ein Fenster unterbrochenes Bruchstück eines Totentanzes. Erhalten sind folgende Figuren: ein König (oder Kaiser?) - der Tod als Totengräber mit einem Spaten - ein Bischof - der Tod mit dem Todesstachel - ein Narr - (Lücke) - ein Bürgermeister (?) - der Tod - ein Wucherer - der Tod - ein Kaufmann. Die Darstellung des Todes als mumifizierter Figur mit einem über die Schultern geworfenen Leichentuch weist deutlich auf die Lübecker Tradition hin: In anderen Traditionen ist er meist gänzlich unbekleidet.

 

Berner Totentanz von 1519

Diese Auswahl der Figuren in Inkoo weist nun direkt auf Lübeck hin: Im Revaler Totentanz fehlen die meisten der hier abgebildeten Figuren, im Lübecker Totentanz von 1463 oder dem gedruckten Lübecker Totentanz von 1498 dagegen treten unter zahlreichen anderen Figuren der König, der Bischof, der Bürgermeister, der Wucherer und der Kaufmann in eben dieser Reihenfolge auf. Nur der Narr fehlt: Er ist am frühesten im Berliner Totentanz belegt, dann, von diesem beeinflusst, im Lübecker Totentanz von 1520, der aber eventuell bereits früher konzipiert und erst 1520 gedruckt wurde. So könnte auch die Narrenfigur von Lübeck aus nach Inkoo gelangt sein.

 

Die Figuren in Inkoo

Die Figuren in Inkoo sind umrahmt von einer Zierborde, die aber offenbar später hinzugefügt wurde; die vorderste Gestalt streckt ihre Hand aus dem Rahmen heraus, so dass anzunehmen ist, dass hier weitere Gestalten waren, zumindest noch einmal der Tod, doch vermutlich vor diesem, wie im Lübecker Totentanz, der Papst und davor der Tod als Anführer des Reigens. Nimmt man eine Verlängerung der Reihe um drei Gestalten nach vorne hin an, dann beginnt der Reigen in unmittelbarer Nähe der heutigen Kanzel. Bis zum 18. Jh. war die Kanzel genau gegenüber von der heutigen an der Südwand angebracht. Nimmt man an, dass der Inkooer Totentanz wie der Lübecker mit der Darstellung eines Predigers auf der Kanzel begann, dann wäre die gemalte Kanzel der echten Kanzel genau gegenüber gelegen. Es liegt nahe anzunehmen, dass der Inkooer Künstler, gerade um diese Symmetrie zu erreichen, seinen Totentanz im Gegensatz zur Tradition (und der mit ihr verbundenen theologischen Implikation) als rechtsgewandten Reigen entwarf. Das heisst, der Inkooer Totentanz ist aussergewöhnlich stark in den Gesamtbau der Kirche und letztlich in den Gottesdienst integriert. Wer aber waren die Adressaten dieser ”Predigt”? In der Darstellung des Todes unterscheidet sich der erste Teil des Bilds klar von zweiten Teil: Die oberen Gesellschaftsstände (König, Bischof) und der mit dem Adel direkt verbundene Hofnarr werden von Todesgestalten geführt, die die traditionellen Attribute des Todes (Spaten, Stachel) tragen, die bürgerlichen Stände dagegen werden vom Tod mit blossen Händen geführt, während sie selbst das Vehikel ihrer Verdammnis in der Hand führen: die Geldbörse bzw. (nur noch aus der Handhaltung zu erschliessen) die Amtskette, Ausdruck der bürgermeisterlichen Macht. An letztere Gruppe scheint sich der Appell zu richten, dass es ihr gleich ergehen wird wie den von ihr kritisch betrachteten höheren Ständen: Der Inkooer Totentanz erweist sich dadurch ebenso ausdrücklich wie der Lübecker Totentanz als Hanse-Totentanz.

 

Eintlund oder Fuchs

Ist der Totentanz in Inkoo direkt auf die Gemeinde bezogen, so mag man sich fragen, was die weiteren Fresken in der Kirche bedeuten. Die Darstellungen biblischer Szenen im Chor stellen hier keinerlei Problem dar, doch am Übergang zwischen Nordwand und Chor findet sich eine Abbildung, die offensichtlich über Reste der biblischen Szenen gemalt worden und also neuer ist als diese: ein Hund oder Fuchs, der an einem Galgen hängt. Man hat dies als eine Illustration des ”Reynke de Vos” gedeutet, und diese Deutung ist vor dem Hintergrund der Beobachtungen zum Totentanz zu unterstreichen: Der ”Reynke” wurde 1498 in Lübeck gedruckt. Er könnte mit dem Druck des Lübecker Totentanzes von 1489 von Kaufleuten nach Inkoo gebracht worden sein - wiederum deutlich vor dem Beginn der dokumentierten skandinavischen Texttradition, den man mit der Entstehung der ersten dänischen Übersetzung des Texts 1555 ansetzt. Der ”Reynke” verbindet eine sehr kritische Sicht des korrupten, schwachen Königs mit einer halb bewundernden, halb warnenden Darstellung des schlauen Fuchses. Dass gerade die Szene, an der Reynke am Galgen hängt, für die Illustration gewählt wurde, verknüpft den Fuchs mit den Bürgerlichen im Totentanz: Keiner, auch nicht der schlaueste Fuchs unter den Hanse-Kaufleuten, kann sich vom Tod fernhalten.

Cora Dietl ist Gastprofessorin an der Universität Helsinki