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    Die finnische EU-Sprache hat ihre eigene Pflegerin

    Susanna Pakkanen

 

Staatliche Institutionen für Sprachpflege sind in den europäischen Ländern eine Rarität. Finnland bildet da eine Ausnahme: Neben dem Forschungszentrum für die Landessprachen Finnlands mit seinem Sprachbüro gibt es eine eigene EU-Sprachpflegerin, die ihre Bezüge vom Staat erhält. Die einzige im Gebiet der EU übrigens.

Aino Piehl, 41, betreut ihr Amt seit gut einem Jahr.

Ihr Arbeitstag wird von vielerlei Tätigkeiten ausgefüllt: "Ich berate per E-Mail oder Telefon, äussere meine Meinung oder vertrete den Standpunkt des Sprachbüros. Fragen gehen ein von EU- und Freelance-Übersetzern, von Behörden, Journalisten, Firmen etc. Ich stelle auch Untersuchungen an. Im November zum Beispiel habe ich an alle Ministerien eine Umfrage darüber geschickt, wie die EU-Texte gelesen werden und was man von ihnen hält."

Zur Zeit hat Aino Piehl mit den Vorbereitungen auf die EU-Ratspräsidentschaft Finnlands alle Hände voll zu tun. "Es ist beabsichtigt, einen Leitfaden für finnische Beamte zu verfassen, damit das Dolmetschen und Übersetzen aus dem Finnischen möglichst gut funktioniert."

 

Viele Köche mischen bei den Übersetzungen mit

In Finnland sind die finnischen Übersetzungen von Texten der EU-Organe heftig kritisiert worden. Mal hat man in ihnen zahlreiche Fehler entdeckt, mal schmeckten die Texte zu sehr nach Übersetzungen, oder man fand, dass sie ansonsten einer Verbesserung bedürften.

Die Übersetzungen von EU-Texten lassen sich indes nicht über einen Kamm scheren, betont Aino Piehl. Ganz im Gegenteil: "Wenn zum Beispiel der Ausgangstext einer Gesetzesvorschrift zuerst übersetzt worden ist und die Repräsentanten eines jeden Landes in den Arbeitsgruppen des Rates ihre eigenen Änderungsvorschläge vorgebracht haben, und wenn dann der Text in Dutzenden von Versammlungen in die Mangel genommen wurde und man schliesslich einen Kompromiss zustande gebracht hat, so ist das Übersetzen dieses Textes kein leichtes Unterfangen. Zum Schluss achten noch juristisch gebildete Linguisten darauf, dass der Inhalt in den Übersetzungen in allen Sprachen in gleicher Weise verbindlich bleibt."

"Als Übersetzer steckt man da in einer Zwangsjacke. Der Spielraum ist sehr klein. Man kommt kaum dazu, seine sprachlichen Fertigkeiten unter Beweis zu stellen."

 

Wie beugt man den Euro?

Auf den Euro-Banknoten und -Münzen, die in zwei Jahren in Gebrauch genommen werden, befindet sich in allen Ländern derselbe Text. Aus diesem Grund steht auf den 100-Euro-Geldscheinen 100 euro, obwohl die finnische Grammatik eigentlich den Kasus Partitiv verlangen würde: 100 euroa.

Man könnte glauben, es handele sich um schlechtes Finnisch, wie es in alten finnischen Sketchen von Angehörigen der schwedischsprachigen Minderheit des Landes geradebrecht wird. Als man bei uns darauf aufmerksam wurde, waren die Druckplatten für die Banknoten schon fertig und die Druckmaschinen so gut wie betriebsbereit.

"Stünden auf den Scheinen die Zahl und das Wort euro getrennt, zum Beispiel auf dem 5-Euro-Schein die Fünf in der Mitte und das Wort euro in den Ecken oder umgekehrt, so würde keiner verlangen, dass man euro den finnischen Kasusregeln entsprechend flektieren müsse. Der Wert des Geldes wäre trotzdem auf einen Blick ersichtlich", ärgert sich Aino Piehl.

Piehl hat schon Anfragen erhalten, ob man das Wort euro überhaupt beugen dürfe, da es ja auch auf den Geldscheinen ungebeugt steht.

"Wenn man den euro nicht flektieren kann, so kann man auch kein Finnisch sprechen. An sich passt das Wort recht gut in unsere Sprache; es hört sich sogar recht finnisch an. Viel schwerer haben es da die Schweden, denen die Aussprache eines betonten Diphthongs schwer fällt."

Auch mit dem Cent gibt es Probleme. Nach einer neuen Empfehlung des Sprachbüros sollte man die finnische Entsprechung sentti mit snt abkürzen und nicht noch kürzer einfach mit s. Über die Abkürzung s hat man indes lange nachgedacht, und zum Beispiel die Tageszeitung Helsingin Sanomat benutzt sie.

"Wir meinten, die bereits gebräuchliche Abkürzung für Sekunde würde da stören. Zum Beispiel wenn es heisst: Telefongespräche nur 10 s/min."

"Natürlich wird durch snt das Wort kaum kürzer, aber die Abkürzung von sentti braucht man ohnehin selten. Wo zum Beispiel sieht man heutzutage die Abkürzung für den Penni?"

 

Sprachpflege von Anfang an

Von ihrer Ausbildung her ist Aino Piehl Finnischlehrerin. Aber an Schulen hat sie nur einige kurze Gastspiele gegeben, ansonsten ist sie stets am Forschungszentrum für die Landessprachen Finnlands als Sprachpflegerin tätig gewesen. In erster Linie hat sie Kurse für staatliche Verwaltungsorgane, Unternehmen und andere Institutionen organisiert.

Zur Sprachpflegerin ist sie aus dem Wunsch heraus geworden, einen Blick hinter die Kulissen des Regelwerks zu werfen.

Während ihres Studiums bestand eine Aufgabe darin zu untersuchen, welche Formen der Umgangssprache aus welchem Dialekt stammen. "Ich habe gelesen, dass alkaa tekemään eine westfinnische und alkaa tehdä eine ostfinnische Form sei. Bis dahin hatte ich in dem Glauben geschwebt, dass alkaa tekemään einfach nur schlechtes Finnisch sei."

"Finnland ist in der Beziehung ein interessantes Land, als den Fragen der Sprachpflege eine grosse Bedeutung beigemessen wird."

"Bei uns hat man das Gefühl, dass unsere kleine Sprache der Pflege bedürfe. Gebraucht ein Vertreter einer weit verbreiteten Sprache seine Muttersprache in schlechter Weise, so denken wir, dass es nur etwas über den Sprecher selbst aussagt. Bei uns dagegen empfindet man den nachlässigen Gebrauch des Finnischen rasch als eine Bedrohung für die gesamte Sprache".

Aino Piehl glaubt, den Grund für die Sensibilität der Finnen zu kennen, was die Reinheit ihrer Sprache betrifft.

"Dass das Finnische eine offizielle Sprache geworden ist, liegt - historisch gesehen - noch nicht weit zurück. Wir alle haben davon in der Schule gehört. Dass das Finnische in den Rang einer Amtssprache aufgestiegen ist, war das Ergebnis eines Kampfes und keine Selbstverständlichkeit."

Dieser Artikel ist zuvor in der Tageszeitung Helsingin Sanomat erschienen.