Previous page



Die finnischen Frauen sind aktiv und gebildet. Auf diese Weise er-halten die Mädchen ein gutes, akademisches Rollenmodell. Frauen lesen auch viel aktiver als Männer.

Finnen Weltmeister im Lesen.
Was steckt hinter diesem Erfolg?

Leena Itkonen

 

Einer gegen Ende des vergangenen Jahres veröffentlichten internatio-nalen Studie zufolge sind die Jugendlichen Finnlands im Lesen besser als ihre Altersgenossen anderer Länder. Dieses schmeichelhafte Ergebnis hat in Finnland zu einer lebhaften Diskussion darüber geführt, welche Faktoren dahinter stehen.

Im Volk hat man getippt, ein Grund liege darin, dass in Finnland ausländische Fernsehprogramme und Filme nicht synchronisiert, sondern mit Untertiteln versehen werden. Als weiterer Grund wurde angeführt, dass bei der finnischen Sprache Lautung und orthographische Gestalt nahezu identisch seien. Diejenigen, die den Kindern Lesen und Schreiben beibringen und Literatur unterrichten, machen indes andere, wichtigere Ursachen geltend. Zugleich weisen sie da-rauf hin, dass es beim Erlernen der eigenen Muttersprache durchaus Problembereiche gibt, über die man sich auch in Finnland Sorgen machen sollte.

In der im Dezember veröffentlichten Pisa-Studie zur Evaluierung der Schulleistung ("Programme for International Student Assessment") haben die finnischen Schüler, was die Lesefähigkeit anbelangt, im Vergleich mit den Schülern übrigen OECD-Länder am besten abgeschnitten. Auch in anderen Bereichen sind die Ergebnisse für die Finnen im ganzen sehr gut ausgefallen. Etwa die Hälfte der finnischen Jugendlichen sind ausgezeichnete Leser.

Schwache Leser gibt es in Finnland nur sieben Prozent, während der internationale Durchschnitt in der Studie bei 18 Prozent lag. Überall auf der Welt sind die Mädchen besser im Lesen als die Jungen. In Finnland ist diese Differenz jedoch am größten, auch wenn beide Geschlechter in ihrer Gruppe die jeweils Besten waren. Spitzenkönner gab es in Finnland indes erheblich weniger, als was aufgrund des guten Gesamtergebnisses zu erwarten gewesen wäre.

Von den Begabten könnte
man in der Schule mehr fordern

Ausbildungsrätin Pirjo Sinko hat sich in ihrer gesamten Laufbahn mit der Unterrichtung des Finnischen beschäftigt. Zur Zeit ist sie am Zentralamt für Unterrichtswesen dabei, den Unterricht weiterzuentwickeln und Lehrpläne aufzustellen. Für Sinko kamen die Ergebnisse der Pisa-Studie wie ein Weihnachtsgeschenk, hatten ja seit Mitte der neunziger Jahre verschiedene einheimische Untersuchungen darauf hingewiesen, dass bei der Beherrschung des Schreibens und beim Lesen von Literatur der Trend nach unten ginge. Sinko hat eine deutliche Vorstellung davon, was für das gute Abschneiden der Finnen im Lesetest ausschlaggebend war: "Es gibt keinen monokausalen Grund für dieses Ergebnis, sondern dahinter stehen mehrere Faktoren, die in dieselbe Richtung wirken. Die Gesamtschule ist zur Bildung der Nation das beste System", meint sie.

Durch die Einführung der Gesamtschule wurde in Finnland das frühere System der Volksschule und der Oberschule vereinheitlicht. Früher hingen die Möglichkeiten der Elfjährigen, zwischen diesen zwei Schulformen zu wählen, außer von ihrer Intelligenz auch von der finanziellen Stellung ihrer Eltern ab. Die Gesamtschule hat im Prinzip Chancengleichheit geboten. Zu ihren zentralen Grundsätzen hat es zudem gehört, die Schwächeren bei der Entfaltung ihrer Fertigkeiten zu unterstützen. Darin könnte eine Ursache dafür liegen, dass in Finnland die Zahl der Spitzenkönner relativ klein ist.

"Bei solch guten Ergebnissen müsste auch die Spitze breiter sein. Ich kann mir keine andere Ursache denken als die, dass in heterogenen Klassen die Lehrer damit ausgelastet sind, sich um die Schwächeren zu kümmern, so dass für die besonders Begabten kaum noch Zeit und Energie übrig bleiben. Die Begabten halten in ihrer Entwicklung inne und warten, bis die Schwächeren zu ihnen aufgeschlossen haben", beschreibt Sinko diesen Mechanismus. Für erfreulich hält sie indes den Befund, dass die regionalen und sozioökonomischen Unterschiede, der Studie zufolge, in Finnland recht klein sind. Gute Ergebnisse wurden ebenso im nördlichsten Lappland wie in den Großstädten des Südens erzielt, und Eliteschulen sind in Finnland so gut wie nicht vorhanden.

Ein zweiter wichtiger Grund liegt laut Sinko in den guten Lehrern, die über eine solide Ausbildung verfügen. In Finnland besitzen heutzutage alle Lehrer einen Universitätsabschluss vom Magisterniveau. Außerdem gehen fähige Leute in die Lehrerbildung. Allerdings wird von Seiten der Schulen darauf aufmerksam gemacht, dass sich diese Situation in der Zukunft ändern kann. Die Motivation von kompetenten Nachwuchskräften, den Lehrerberuf zu wählen, wird geschwächt von der bescheidenen Besoldung und den Arbeitsbedingungen, über die viele Lehrer klagen.

Eheerlaubnis nur für Lesekundige

In der finnischen Kultur erfreut sich Lesen einer hohen Wertschätzung. Man abonniert eifrig Zeitungen, die bereits in den frühen Morgenstunden ausgeteilt werden. Der Morgen von Tausenden Finnen beginnt mit der Tageszeitung und einer Tasse Kaffee. In den frühen Neunzigern, als die Wirtschaft kriselte, konnten sich viele Familien ein Zeitungsabonnement nicht mehr leisten, und bald füllten sich die Lesesäle der Bibliotheken mit Zeitungslesern. Für ein kleines Land werden in Finnland auch verhältnismäßig viele Bücher verlegt und verkauft. Ein Bücherregal gehört zur Standardausstattung der meisten Wohnungen; Fernseher und andere Möbel werden dem Standort des Bücherregals entsprechend platziert.

Väinö Kuukka, Studienrat für Finnisch und Literatur an der Suomalainen Yhteiskoulu, der Finnischen Gemeinschaftsschule, in Helsinki, erinnert daran, dass das Lesen in Finnland seit alters her geschätzt wird: "Die Snellmansche Volksbildungsidee begann ab dem Beginn des 19. Jahrhunderts zu wirken. In Finnland haben sogar die reichen Fabriksbesitzer für ihre Arbeiter Lesestunden eingerichtet, in denen man zum Beispiel den Grafen von Monte Christo durchgenommen hat. In den nordischen Ländern hat die Kunst des Lesens traditionell immer auf einem hohen Niveau gestanden. Unter anderem wurde früher die Erlaubnis zum Heiraten nur solchen Personen erteilt, die des Lesens mächtig waren."

Sowohl Kuukka als auch Sinko betonen zudem die Bedeutung der öffentlichen Bibliotheken. Die Bürger sehen in der Bibliothek eine demokratische Bildungsanstalt. Für Kuukka stellt die Bibliothek in erster Linie ein Kulturzentrum dar: "Zu leicht wird die Bibliothek heute als reine Datenservicezentrale angesehen, obwohl sie vor allem auf dem Lande der ganze Gemeinde als Kulturzentrum dient. Dort liest man, hält Märchenstunden für die Kleinen ab und sammelt sich zu Lyrikkreisen."

Anteil des Fernsehens

In der im Volk geführten Diskussion über die Pisa-Studie wurde als erstrangiger Faktor für das gute Abschneiden beim Lesen die beim finnischen Fernsehen übliche Praxis angeführt, ausländische Programme mit Untertiteln zu versehen. Synchronisiert wird in Finnland so gut wie nicht. Auch Sinko betont die Bedeutung der Untertitel: "Das Fernsehen sendet viele ausländische Serien und Filme, so dass Kinder und Jugendliche beim Fernsehkonsum gleichzeitig lesen. Sie eignen sich ziemlich rasch die Fähigkeit an, schnell zu lesen. Für die kleineren Kinder liegt darin ein guter Ansporn, denn sie wollen so schnell wie möglich die Fernsehprogramme selbst verfolgen lernen."

Als zweiter Faktor wurde in der allgemeinen Diskussion das Faktum erwähnt, dass in der finnischen Sprache die Laute und Buchstaben einan-der weitgehend entsprechen. "Dies ist beim Erlernen des Lesens von Bedeutung, aber das Niveau der 15Jährigen kann man damit nicht mehr erklären. Auf der anderen Seite gibt es in unserer Sprache lange Wortzusammensetzungen."

Sinko findet für die guten Testergebnisse noch einen gesellschaftlichen, etwas weniger schmeichelhaften Grund: "Bei uns gibt es so wenig nichtfinnische Kinder. Im Allgemeinen lernen die Kinder hier das Lesen in ihrer eigenen Muttersprache. In den finnischen Untersuchungen wird deutlich, dass der Anteil von Kindern aus Migrantenfamilien sehr klein ist."

Kein Rollenmuster für den lesenden Mann?

Besonders viele Fragen hat die von der Pisa-Studie aufgezeigte große Differenz zwischen den Lesefähigkeiten der finnischen Mädchen und Jungen aufgeworfen. Dieser Unterschied war in Finnland größer als in den Vergleichsländern, obgleich auch die finnischen Jungen die besten Leser der OECD-Länder gewesen waren. Für Sinko kam diese Differenz zwischen den Jungen und Mädchen keineswegs überraschend, denn dies war bereits in finnischen Evaluierungen deutlich zu sehen gewesen und man hatte schon jahrelang darüber gesprochen.

Überraschend war indes, dass die Differenz so groß war: die größte auf der Welt. "Die ideale Situation wäre ein Gesamtniveau, das wir jetzt haben, aber in der Weise, dass die Jungen näher an die Ergebnisse der Mädchen heranreichten. Aber unsere Mädchen sind so unglaublich gut. Die Schule stimuliert die Mädchen besser. Die Jungen dagegen sind Underachiever."

In Finnland ist der Unterschied zwischen Mädchen und Jungen in den schulischen Leistungen sehr viel untersucht worden. Diesen Studien zufolge gibt es bei den Kindern von gebildeten Eltern keine Unterschiede, mit anderen Worten: Mädchen und Jungen sind ebenso gut. Das Leis-tungsniveau der Jungen dagegen, deren Eltern eine schlechte Bildung haben, liegt dagegen recht niedrig. Der Mittelwert der Jungen sinkt dadurch statistisch unter den der Mädchen.

Nach Sinkos Meinung könnte es von Bedeutung sein, dass das Rollenmuster, das in Finnland den Jungen angeboten wird, härter ist als das in Dänemark, wo die Differenz in den Lesefähigkeiten zwischen Jungen und Mädchen erheblich kleiner ist.

"Die finnischen Frauen sind aktiv und gebildet. Auf diese Weise erhalten die Mädchen ein gutes, akademisches Rollenmodell. Frauen lesen auch viel aktiver als Männer. Das Rollenmuster der Männer ist dagegen von Technik und Sportlichkeit dominiert. Lesen und Schreiben sind in ihren Augen eher feminine Aktivitäten", vermutet Sinko und fordert die Väter und Söhne, deren Freizeit mit gemeinsamen Sportaktivitäten ausgefüllt ist, dazu auf, ein Buch in die Hand zu nehmen und zu lesen. Vor ein paar Jahren hatte das Zentralamt für Unterrichtswesen ein gemeinsames Projekt mit dem Finnischen Ballsportverband organisiert, in dem den Jungen das Rollenmuster eines lesenden Mannes vorgestellt wurde. Am Rande der Sportplätze wurden eigene Feldbibliotheken zum Relaxen aufgestellt.

Väinö Kuukka ist der Meinung, dass man _ will man die Jungen für das Lesen begeistern _ deren Mentalität berücksichtigen müsse. Man sollte Abenteuerbücher heranziehen und die Jungen vielleicht in die Welt der traditionellen Knabenliteratur einführen. Solche Bücher, in denen die Probleme von Jugendlichen und zwischenmenschliche Beziehungen in einer meist eher oberflächlichen Weise behandelt werden, interessieren die Jungen nicht. Wenn die Moderne die Jungen vernachlässigt, sollte der Lehrer mutig einen Schritt zurück in die Vergangenheit tun.

Man sollte sich ernsthaft überlegen, welche Bücher die Schule den Jugendlichen anbietet, denn die Schule kann die Lust zum Lesen entweder entfachen oder völlig auslöschen. Wir haben da eine große Verantwortung", mahnt Kuukka. Als Lieblingslektüre der Jungen in der Oberstufe der Gesamtschule führt Kuukka zum Beispiel Tolkiens Herr der Ringe, Remarques Im Westen nichts Neues sowie von den finnischen Klassikern Väinö Linnas Kriegsroman Der unbekannte Soldat und Mika Waltaris im alten Ägypten spielenden Roman Sinuhe der Ägypter an. Sollten sich diese Bücher als zu schwer für die Altersgruppe erweisen, könnte man es nach den Harry Potter -Büch-ern mit den Abenteuern von Huckleberry Finn, den Phantasy-Romanen von Eddings oder auch mit Sciencefiction versuchen.

Durch Lesen zu internationalem Ruhm?

Der Erfolg in der Pisa-Studie sollte die Finnen nicht dazu verführen, sich auf ihren Lorbeeren auszuruhen. Das Zentralamt für Unterrichtswesen hat bereits vor einem Jahr ein Projekt namens Lese-Finnland lanciert, das zum Ziel hat, die Fertigkeiten der Schüler im Lesen und Schreiben sowie die Literaturkenntnisse zu fördern. Das Projekt stellt die Fortsetzung früherer Projekte zur Leseförderung dar.

"Es besteht kein Grund zur Selbstzufriedenheit, denn jede neue Generation muss auf jeden Fall das Lesen selbst lernen", meint Pirjo Sinko und fügt hinzu, dass man sich über den "WM-Titel" aber auch freuen sollte. "Hinter der Erfolgsstory von Nokia stehen Menschen mit einem soliden Basiswissen. Das Fundament muss da sein, damit sich Kreativität entfalten kann." Sinko hofft nun, dass Finnland einmal nicht nur durch seine Langstreckenläufer und Formel-1-Fahrer, sondern auch durch seine guten Leser in aller Welt bekannt geworden ist. ß

Die Pisa-Studie ist die umfangreichste und vielseitigste vergleichende internationale Untersuchung zu den Schulleistungen. An ihr nahmen 28 OECD-Länder sowie vier Länder von außerhalb der OECD teil. Zielgruppe der Untersuchung waren 15-jährige Jugendliche. In Finnland nahmen an der Untersuchung 4864 Schüler von 156 Schulen teil. Die Lesekompetenz war Schwerpunkt der Pisa-Studie. Für die praktische Durchführung der Untersuchung war in Finnland das Forschungszentrum für Bildung verantwortlich. Als nationaler Koordinator fungierte Jouni Välijärvi.

 

Fällt Finnen das Argumentierenschwer?

Der Pisa-Studie zufolge lassen bei den die jungen Finnen das Bilden einer eigenen Meinung und das Äußern von Kritik zu wünschen übrig. Aus irgendeinem Grund scheint das Argumentieren den Finnen schwer zu fallen.

Um sich eine eigene Meinung bilden und kritisch lesen zu können, muss man die Kunst der Argumentation entwickeln. Das größte Defizit besteht darin, dass die Schüler Begründungen nicht mehr von Erklärungen unterscheiden können", meint Väinö Kuukka, Studienrat für Finnisch und Literatur. In Finnland kommen leicht allerlei Mythen auf, an die man einfach glaubt, weil es einem so vorkommt. Vielleicht fehlt uns eine solche philosophische Tradition, in der Dinge offen hinterfragt werden und man prüft, ob es wirklich so ist. In Finnland gibt es immer jemanden, der es besser weiß: der Vater, der Boss, die Politiker..."

Karin Guldbaek-Ahvo, die bereits seit einigen Jahren in Finnland lebt und an der Universität Dänisch unterrichtet, ist dasselbe aufgefallen: Die Finnen denken hierarchisch und sind autoritätsgläubig. In Dänemark ist das ganz anders. Natürlich kommt es vor, dass die Dänen irgendeinem Sachverständigen Glauben schenken, aber es reicht nicht einfach aus, dass man Professor oder Minis-terpräsident ist. Autorität muss man sich erst erwerben."

In Dänemark muss man immer kritisch sein", fährt Guldbaek-Ahvo fort. Man muss dauernd Fragen stellen. Von klein auf liest man Bücher und analysiert sie zugleich, stellt das Gelesene in Frage. Die Finnen lesen da anders. Ihnen geht es darum, Wissen zu erwerben. In Dänemark muss man das Ganze verstehen, während in Finnland das Schwergewicht auf Detailwissen gelegt wird. Natürlich benötigt man beide Fähigkeiten, aber sie dienen unterschiedlichen Zwecken."

Im schlimmsten Fall führt die finnische Leseweise dazu, dass man das Gelesene nur referieren, nicht aber analysieren kann.

Guldbaek-Ahvo hat es auch erlebt, dass die finnischen Jugendlichen sehr unsicher sind, was die Bildung einer eigenen Meinung anbelangt: Wenn man finnische Schüler fragt, ,Was meinst du denn dazu`, bekommt man zur Antwort ,Weiß nicht`. Auch wenn man nachzuhaken versucht, bleibt es bei derselben stereotypen Antwort." Im selben Atemzug meint Guldbaek-Ahvo, dass ihr Idealschüler eine Kombination von dänischer und finnischer Mentalität besäße: In Dänemark spielt die eigene Meinung des Schülers die zentrale Rolle. Zugespitzt könnte man sagen, dass die Fakten weniger wichtig sind als die eigenen Ansichten. Die Dänen sollten mehr wissen und die Finnen sich mehr eine eigene Meinung bilden."

Keine Zeit für Bücher

Was für Kenntnisse in Literatur die Schüler besitzen, wurde in der Pisa-Studie nicht gefragt, aber im Zusammenhang mit der Untersuchung wurde auch diese Frage erörtert. Die Stellung der Literatur ist im Finnischuntericht verbessert worden, was sich unter anderem auch darin niedergeschlagen hat, dass das Fach neuerdings Muttersprache und Literatur" heißt. Auch das Lese-Finnland-Projekt, das zur Zeit vom Zentralamt für Unterrichtswesen betrieben wird, hat zum Ziel, die Lust zum Lesen anzustacheln und jungen Leuten Leseerlebnisse zu vermitteln.

Die Finnischlehrer sind nicht ohne Grund besorgt um das Lesen von Büchern. Nach einer Schätzung des Zentralamtes für Unterrichtswesen lesen 43 Prozent von den Schülern in der letzten Klasse der Oberstufe der Gesamtschule in ihrer Freizeit kein einziges Buch im Jahr. Das Hobby Lesen hat bei den Jugendlichen dramatisch abgenommen. Ein Grund dafür liegt auch darin, dass man bei dem heutigen Kurssystem, bei dem die einzelnen Unterrichtsfächer sich abwechseln, nur sehr wenig Zeit zum Lesen findet.

Dies hat auch Helmut Diekmann, Lektor für deutsche Sprache, bei seiner Arbeit bemerkt: Die Studenten des ersten Studienjahres bringen meist eine sehr schlechte Allgemeinbildung mit. Manchmal muss man sich wirklich fragen, was sie eigentlich bislang gelesen haben. Auch die finnische Buchkultur lässt meiner Meinung nach zu wünschen übrig. Bücher gelten hier als Saisonware. Die Bücher, die heute im Buchhandel feilgehalten werden, werden nächstes Jahr im Ausverkauf verramscht, und danach erhält man sie nur noch in antiquarischen Buchläden", wundert sich Diekmann.

Auch die Ausbildungsrätin Pirjo Sinko fragt sich, ob man in die Lehrpläne überhaupt etwas an Literatur einbeziehen sollte, da man ohnehin keine Zeit zum Lesen hat. Jedoch weist sie diesen Gedanken von sich: Für die Entwicklung der Fertigkeiten in der eigenen Muttersprache stellt das Lesen der wichtigste Faktor dar. Wer viel liest, ist im Allgemeinen auch ein guter Schreiber. Diese Fertigkeiten gehen Hand in Hand. Das Verständnis für den Aufbau und Inhalt von Sätzen zu vermitteln ist keine leichte Sache. Lesen hat einen Einfluss auf die Denkfähigkeit, auf die Kunst, Texte zu produzieren, und auf das Verständnis für Strukturen", zählt Sinko auf, erinnert aber zugleich daran, dass in diesem Sinne alles Lesen seinen Wert hat.

Einen Teil der Verantwortung, junge Menschen zum Lesen zu bringen, hat man neuerdings auch den Massenmedien aufgebürdet. Die spektakulären Nachrichtenereignisse vom letzten Herbst haben es mit sich gebracht, dass die finnischen Jugendlichen seit langer Zeit wieder mehr lesen. Der Verband der Finnischlehrer fordert die Massenmedien auf, mehr erzieherische Verantwortung zu tragen. Der Verband erwartet von den Medien vielfältigere Inhalte, kritisches Denken, Fragen und Diskussionsanstöße. Vielleicht wächst auf diese Weise auch in Finnland eine Generation heran, die eine kritischere Einstellung an den Tag legt und das Argumentieren beherrscht.